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Unterschiede anspruchsvoller gymnasialer Bildungsgänge in Berlin, Sachsen, Schleswig-Holstein und dem Saarland
Ein Beitrag von Zara Zerbe
Freie Autorin
„Ein 1,0-Abitur aus Hamburg wäre in Bayern nur eine 3,0!“ – geht es um die schwierige Vergleichbarkeit der Schulen im föderalen Bildungssystem, bringt das Gymnasium eine Menge Diskussionsstoff mit. Ist es fair, dass der Numerus Clausus an den deutschen Hochschulen sich in erster Linie nach der Abiturnote richtet, wenn die Gymnasien in den einzelnen Bundesländern auf unterschiedlichen Rechenwegen zu dieser Note kommen? Und werden an dieser prestigeträchtigen Schulform tatsächlich nur die begabtesten Schülerinnen und Schüler unterrichtet, wenn der Zugang zum Gymnasium immer noch erkennbar an sozioökonomische Faktoren geknüpft ist?
Diese Frage kann man sich zurecht stellen, doch am Kulturgut Gymnasium wird in der Bildungspolitik traditionell nicht gerüttelt. Selbst dem Zentralabitur tat man sich lange schwer – allerdings gibt seit 2017 ein bundesweites Zentralabi mit einem gemeinsamen Aufgabenpool in den Fächern Mathe, Deutsch, Englisch und Französisch. Die Oberstufenvereinbarung der Kultusministerkonferenz von 2023 soll mit einer Anpassung des Kurssystems und einheitlichen Regelungen bei Klausuren bis 2030 für eine bessere Vergleichbarkeit der gymnasialen Abschlüsse sorgen. Doch wie unterschiedlich funktionieren die Gymnasien in den einzelnen Bundesländern wirklich? Und wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit und die Zukunftsfähigkeit dieser Schulform? Ein Vergleich.
Sachsen: Individuelle Profile und hohe Schulqualität
Obwohl Bayern als das Bundesland mit den besten Schulen gilt, steht der Freistaat Sachsen im Bildungsmonitor 2024 auf Platz 1 in der Bewertung der Schulqualität in den einzelnen Bundesländern. Wie die anderen ostdeutschen Bundesländer setzt Sachsen auf ein zweigliedriges System ab der 5. Klasse, das sich aus Oberschulen, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien zusammensetzt. Die sächsischen Gymnasien haben etwas weniger Zulauf als die Oberschulen: Im Schuljahr 2023/24 waren 110.969 Schülerinnen und Schüler an einem Gymnasium angemeldet, während 122.039 eine Oberschule besuchten. Die Bildungsempfehlungen in der 4. Klasse sind in Sachsen nicht bindend, sodass jedes Kind nach der Grundschule ein Gymnasium besuchen kann. Die Jahrgänge 5 und 6 sind als Orientierungsphase konzipiert. Die Lehrpläne sind daher mit der Oberschule abgestimmt, um unkomplizierte Schulwechsel zu ermöglichen. Daneben werden ab der 5. Klasse an den meisten Gymnasien Förderunterricht für leistungsstärkere oder -schwächere Schüler, Freiarbeit oder Kurse zur Vermittlung von Lerntechniken angeboten. Eine Besonderheit an den sächsischen Gymnasien sind die Schulprofile: Hier haben die Schulen die Möglichkeit, eigene Profile z.B. mit gesellschaftswissenschaftlichen, künstlerischen, naturwissenschaftlichen und sportlichen Schwerpunkten zu entwickeln, regionale Besonderheiten in den Unterricht aufzunehmen oder in Bereichen wie der Berufs- und Studienorientierung, der Medienbildung, der politischen Bildung sowie der Bildung für nachhaltige Entwicklung die Schulentwicklung unterstützen. Ab der 8. Klasse sind zwei Unterrichtsstunden pro Woche für den Profilunterricht festgelegt. Alternativ kann ab diesem Jahrgang eine dritte Fremdsprache gewählt werden.
Da das Abitur in Sachsen nach 8 Jahren abgelegt wird, beginnt die Vorbereitung auf die Oberstufe bereits in der 10. Klasse. In der Qualifikationsphase in der 11. und 12. Klasse wird im Kurssystem mit 2 Leistungskursen unterrichtet, von denen einer Mathematik oder Deutsch sein muss. Der zweite Leistungskurs kann eine fortgeführte Fremdsprache, Physik oder Geschichte sowie an einigen Gymnasien auch Kunst oder Chemie oder Biologie sein. Die Grundkurse können aus dem übrigen Fächerangebot gewählt werden. Die Abiturprüfung erfordert schriftliche Prüfungen in den Leistungskursen sowie in einem Grundkurs. Ebenfalls wird eine mündliche Prüfung in einem Grundkursfach abgelegt. Optional kann auch die Besondere Lernleistung (BELL) Bestandteil der Abiturprüfung sein: Dabei können die Schülerinnen und Schüler eine schriftliche Arbeit mit wissenschaftspropädeutischem Anspruch zu einem selbstgewählten Thema anfertigen. Diese Arbeit wird in einem Kolloquium verteidigt und hat den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler auf das wissenschaftliche Arbeiten an der Universität vorbereitet werden.
Berlin: Flexible Vorgaben, geringe Durchfallquote
In Berlin findet der Wechsel an die weiterführenden Schulen erst nach der 6. Klasse statt, wobei besonders begabte Kinder bereits ab der 5. Klasse auf bestimmte Gymnasien – etwa 40 von 95 Gymnasien in der Hauptstadt – wechseln können. Im aktuellen Schuljahr besuchen 85.503 Schülerinnen und Schüler eines der Berliner Gymnasien. Damit haben sie erkennbar weniger Zulauf als die Gesamt- und Gemeinschaftsschulen, die aktuell 114.053 Schülerinnen und Schüler zählen. In Die Klasse 7 gilt als Probejahr, in dem sich entscheidet, ob die Schülerinnen und Schüler mit ihren Fähigkeiten und Leistungen für das Gymnasium geeignet sind. Im Schuljahr 2023/24 haben von 10.955 Siebtklässlern 951 nach dem Probejahr auf eine andere Schulform gewechselt – interessanterweise liegt der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die nach der Grundschule eine Gymnasialempfehlung bekommen haben, mit 568 deutlich über der Hälfte.
Ähnlich wie Sachsen hat auch Berlin Gymnasien mit bestimmten Schulprofilen, die individuell von den Schulen gestaltet werden. Die Schulprofile bringen nicht nur unterschiedliche Optionen für den Wahlpflichtunterricht oder optionale Erhöhungen der Wochenstundenzahlen in bestimmten Fächern mit sich, sondern können z.B. auch in fächerübergreifenden Schulprojekten umgesetzt werden.
In der Sekundarstufe 2, die durch G8 die Jahrgänge 11 und 12 umfasst, werden zwei Leistungskurse gewählt und die übrigen Fächer auf Grundkursniveau belegt. Die Prüfungsfächer im Abitur sind neben den beiden Leistungskursen zwei Grundkurse sowie die sogenannte fünfte Prüfungskomponente: Hier erarbeiten die Schülerinnen und Schüler allein, in Partner- oder Gruppenarbeit ein selbstgewähltes Thema, das sich mindestens einem der zugelassenen Prüfungsfächer zuordnen lässt. Die Prüfungsleistung ist entweder eine Präsentationsprüfung in Form einer kurzen schriftlichen Ausarbeitung sowie einer Präsentation mit anschließendem Prüfungsgespräch, oder eine 20-seitige Ausarbeitung – die Besondere Lernleistung (BLL) –, die ebenfalls vor einem Kolloquium verteidigt wird. Allgemein sind in Berlin die Vorgaben bei der Wahl der Prüfungsfächer eher locker – die einzige Vorgabe ist, dass jedes der drei Aufgabenfelder (I: sprachlich-künstlerisch-musisch; II: gesellschaftswissenschaftlich; III: mathematisch-naturwissenschaftlich- technisch) mindestens einmal vertreten sein muss. Zwar bildet Berlin im Bildungsmonitor 2024 das Schlusslicht hinsichtlich der Schulqualität, doch an den Gymnasien allein scheint dies nicht zu liegen. Im Abiturjahrgang 2024 hatte Berlin mit 3 % die bundesweit niedrigste Durchfallquote – die Schülerinnen und Schüler werden hier offenbar gut auf das Abitur vorbereitet.
Schleswig-Holstein: Oberstufe mit Profil
Das Land zwischen den Meeren gehört zu den Bundesländern, die ihre Gymnasien im Zuge der Schulreformen nach der verheerenden PISA-Studie von 2003 von G9 auf G8 umgestellt haben, diese Reform allerdings zum Schuljahr 2019/20 wieder zurückgenommen haben. Nur ein Gymnasium in Schleswig-Holstein bleibt ein reines G8-Gymnasium. Vier weitere haben sich für das Y-Modell entschieden, d.h. sie bieten sowohl einen Bildungsgang mit 8 als auch mit 9 Jahren auf dem Gymnasium an. Ähnlich der Schulprofile in den andere Bundesländern gibt es in Schleswig-Holstein zahlreiche Gymnasien mit thematischen Schwerpunkten, wie z.B. mit bilingualen Klassen, einem altsprachlichen oder französischen Zweig, einem Kunst- oder Musikzweig. Aufgrund der Nachbarschaft zu Dänemark bieten viele Schulen neben den gängigen Fremdsprachen auch Dänisch als dritte Fremdsprache an.
Ähnlich wie Niedersachsen und Hamburg hat Schleswig-Holstein zum Schuljahr 2008/09 die Profiloberstufe eingeführt. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden sich vor dem Eintritt in die Qualifikationsphase in der 12. Klasse für ein Profil, aus dem sie ein Profilfach auf Leistungskursniveau belegen. Das MINT-, das sprachliche und das gesellschaftswissenschaftliche Profil bieten alle Gymnasien an, während es von den Schülerzahlen und der Ausstattung an Lehrkräften abhängt, ob die Schulen auch ein ästhetisches oder ein sportliches Profil anbieten. Jede Schule gestaltet ihre Profile thematisch und interdisziplinär, etwa durch ein Profilseminar oder ein zusätzliches Pflichtfach. Zusätzlich zu dem Profilfach müssen zwei der drei Kernfächer (Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache, meist Englisch) auf erhöhtem Niveau belegt werden. Die übrigen Fächer werden in Grundkursen belegt. Die Anzahl der Prüfungsfächer auf erhöhtem Niveau wurde im Zuge einer weiteren Oberstufenreform im Jahr 2020 bereits um ein Fach eingekürzt, da sich die vorherige Konstellation als zu große Belastung für die Schülerinnen und Schüler herausgestellt hat. Wie in anderen Bundesländern kann auch in Schleswig-Holstein eine Besondere Lernleistung in die Abiturprüfung eingebracht werden. Eine Besonderheit ist hier außerdem die berufliche Orientierung, die mit einem verpflichtenden Wirtschaftspraktikum in der 12. Klasse gefördert werden soll.
Saarland: Schülerfreundliche Reformen in der Mittelstufe
Auch das Saarland hat seine Gymnasien von G8 auf G9 umgestellt – und zwar recht aktuell zum Schuljahr 2023/24. Diese Reform soll dazu dienen, die Schülerinnen und Schüler zu entlasten und eine frühere Profilbildung und individuelle Förderung nach persönlichen Fähigkeiten und Interessen in der Schullaufbahn zu ermöglichen. Diese findet im neunjährigen Gymnasium ab der 8. Klasse statt: Die Schülerinnen wählen hier ein Unterrichtsangebot aus dem sprachlichen, naturwissenschaftlichen, technischen, sportlichen oder musisch-künstlerischen Zweig, das insgesamt 12 Wochenstunden beansprucht. Außerdem ist Informatik ab der 8. Klasse ein Pflichtfach. Außerdem wird mit dieser Reform ein besonderes Augenmerk auf die Neuankömmlinge am Gymnasium gesetzt. Die Jahrgänge 5 und 6 gelten als pädagogische Einheit, d.h. die Versetzungsentscheidung fällt nach der 5. Klasse per se weg. Durch das zusätzliche Schuljahr erhalten die Schülerinnen und Schüler beim Übergang von der Grundschule ans Gymnasium in den Anfangsklassen mehr Zeit zum Ankommen mit individueller Förderung und vertieftem Üben und Wiederholen – insbesondere in den Kernfächern.
Die Oberstufe hat durch die Reformen etwas an Flexibilität gewonnen: Zwar müssen weiterhin insgesamt 5 Prüfungsfächer gewählt werden, von denen zwei auf erhöhtem Niveau unterrichtet werden. Von den beiden Fächern auf Leistungskursniveau muss allerdings nur noch eins in den Kernfächern liegen, das zweite kann frei aus dem Fächerangebot gewählt werden – wobei es auch hier auf die Ausstattung und Schülerzahlen ankommt, da in dem peripher gelegenen, kleinen Bundesland die Möglichkeiten deutlich begrenzter sind als z.B. in Berlin. Außerdem müssen nur noch 2 der drei Kernfächer insgesamt in den Prüfungsfächern abgebildet sein.
Fazit: Zwischen Anspruch und Vergleichbarkeit – Abitur im föderalen Flickenteppich
Trotz wachsender Bemühungen um eine stärkere Vereinheitlichung – etwa durch den gemeinsamen Aufgabenpool im Zentralabitur oder die neue Oberstufenvereinbarung der Kultusministerkonferenz (gültig ab 2023) – bleibt die Vergleichbarkeit der Abiturabschlüsse in Deutschland ein schwieriges Thema. Zwar legt diese Vereinbarung erstmals bundesweit einheitliche Mindeststandards für Fächerwahl, Kursbelegung und Prüfungsformate fest, doch bleibt viel Interpretationsspielraum in der Umsetzung: Etwa bei der Profilgestaltung, den erlaubten Prüfungsformaten oder der konkreten Stundenverteilung. Berlin etwa bietet hohe Flexibilität bei der Kurswahl und verzeichnet zugleich eine niedrige Durchfallquote, während in anderen Bundesländern wie Sachsen oder Bayern die Anforderungen als deutlich strenger gelten. Solche Unterschiede werfen Fragen auf: Ist es gerecht, wenn Hochschulzugänge primär an die Abiturnote gekoppelt sind, obwohl diese unter völlig verschiedenen Bedingungen zustande kommt?
Auch bei der Bildungsgerechtigkeit bestehen weiterhin strukturelle Unterschiede: Der Zugang zum Gymnasium hängt vielerorts immer noch von der sozialen Herkunft ab – trotz Bemühungen wie einer längeren Orientierungsphase (Saarland), offeneren Bildungsempfehlungen (Sachsen) oder stärker individualisierten Profilwegen (Schleswig-Holstein).
Die neue Oberstufenvereinbarung ist ein wichtiger Schritt zu mehr Einheitlichkeit, doch solange nicht auch die Bildungsbedingungen selbst vergleichbarer werden, bleibt das Abitur in Deutschland ein Abschluss mit vielen Gesichtern, dessen Gestaltung auch in der Zukunft für viel Diskussionsstoff sorgen wird.
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In der SiB-Serie „Ländervergleich“ der Kieler Autorin Zara Zerbe sind neben dem aktuellen Blick auf die Gymnasien bereits in vorherigen Ausgaben Grundschulen, Gesamtschul-Konzepte und Realschulen beleuchtet worden.
Kurze Beine, kurze Wege
Grundschulen in BY, HE, RP, TH
Gemeinsam im Norden
Gesamtschulen in HB, HH, MV, SH
Einmal hin – alles drin
Realschule in BY, HE, NI, NRW
Zur Autorin
Zara Zerbe hat Literatur- und Medienwissenschaften studiert und lebt und arbeitet als freie Autorin in Kiel. Dort ist sie Mitherausgeberin des Literaturmagazins „der Schnipsel“ und hostet den Podcast „Literarisch, Solidarisch“ mit Hatice Açıkgöz und Dara Brexendorf. Sie arbeitet zu Umwelt-, Bildungs- und Zukunftsthemen sowie zu sozialer Gerechtigkeit. 2024 ist ihr Debütroman „Phytopia Plus“ im Verbrecher Verlag erschienen. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kunstförderpreis des Landes Schleswig-Holstein und dem Phantastikpreis der Stadt Wetzlar.
