pdf Der (Selbst-)betrug Beliebt
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Seit Jahren heißt es, Kinder verbrächten täglich maximal vier Stunden am Handy. Inzwischen ist klar: Es sind oft zwölf Stunden.
Ein Beitrag von Christian Füller
Bildungsjournalist
Es war ein Moment der Wahrheit: Eine Lehrerin wollte von ihrer neunten Klasse wissen, wie lange Schülerinnen und Schüler tatsächlich im Netz sind. Doch diesmal änderte sie die Methodik. Frau Müller (Name geändert) ließ ihre Zöglinge nicht schätzen, sondern bat sie, direkt in den Einstellungen ihrer Smartphones nachzusehen. Das Ergebnis war erschreckend: Ein Teil der Klasse reagierte betroffen, ein anderer witzelte nervös. „Meine Eltern würden mich zur Adoption freigeben, wenn sie das wüssten“, schrieb ein Schüler anonym. Tatsächlich lagen die Nutzungszeiten mehrheitlich bei über acht, teils sogar bei zwölf Stunden – täglich.
Diese technikgestützte Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, offenbart aber eine Realität, die offizielle Statistiken oft verschleiern: Kinder und Jugendliche verbringen im Netz ein Pensum wie Arbeitnehmer. Viele leisten digitale Acht-Stunden-Tage – nur ohne Lohn, ohne Zuschläge, ohne Schutz. Selbst die Konferenz der Bildungsminister weigerte sich, das Thema überhaupt auf die Tagesordnung zu setzen.
Im 19. Jahrhundert begann man, Kinder vor der Arbeit in Spinnereien, als Hauerjungen in Kohleminen oder auf dem Feld zu beschützen. Die wesentlichen Motive, die Schulen damals für alle Kinder zugänglich zu machen, bestanden darin, sie vor Ausbeutung zu schützen - und vor Zeitverschwendung. Kinder sollten sich die Zeit zum Lernen nehmen und erst später arbeiten.
Social-Media-Missbrauch –die neue soziale Frage
Offensichtlich ist dieser fundamentale Zusammenhang aus dem Blick geraten. Die Intensiv-Nutzung von Smartphones und Social Media wird zur neuen sozialen Frage. Wer bietet eigentlich heute Kindern Schutz vor exzessiven Handynutzungszeiten?
Diese Frage ist in Deutschland schwer zu beantworten. Einen wirksamen Kindermedienschutz gibt es de facto nicht. Stattdessen wird beschworen, Jugendliche müssten den „vernünftigen Umgang“ mit digitalen Medien lernen – als sei die stundenlange Social-Media-Nutzung eine unvermeidliche Realität, für die die Jugendlichen selbst verantwortlich seien. Dabei haben Kinder und Jugendliche genau eine Aufgabe: Minderjährig zu sein und etwa 30 Stunden pro Woche zur Schule zu gehen.
Die neue Kindheitskrise lässt sich an den halben Tagen im Netz ablesen. Der US-amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt spricht von der „Generation Angst“. Seine gut belegte These: Je länger Jugendliche online und insbesondere in sozialen Netzwerken unterwegs sind, desto schlechter geht es ihnen. Die Depressionsraten steigen, ebenso die Zahl der Suizide. Die Kurven dieser Symptome schnellen ab etwa 2012/13 steil nach oben – weltweit.
Petition für Mindestalter
Haidts Buch steht seit über einem Jahr ununterbrochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Eine internationale Bewegung hat sich gebildet – und erreicht nun auch Deutschland. Zwei erfolgreiche Petitionen bzw. Unterschriftensammlungen der Initiative „Smarter Start“ fordern von Bundestag und Bildungsministerkonferenz: ein Mindestalter von 16 Jahren für Social Media und klare Regelungen zum Smartphone-Einsatz in Schulen.
Im Zentrum der Debatte stehen jedoch die Eltern. Sie sind die Einzigen, die rechtlich befugt und faktisch in der Lage wären, den Handygebrauch ihrer Kinder einzuschränken. Doch viele Väter und Mütter der „Generation Angst“ sind innerlich zerrissen. Sie wissen aus eigener leidvoller Erfahrung, dass ihre Kinder zu lange online sind. Doch niemand informiert sie darüber, wie viel Zeit Tech-Konzerne ihren Kindern tatsächlich rauben. Das ist kein Zufall, sondern Resultat eines strukturell blinden Kindermedienschutzes, der statt aufzuklären oft beschwichtigt.
Die Studie „Jugend Information Medien“ (JIM) gilt als Standarduntersuchung zum Medienverhalten der 12- bis 19-Jährigen. Sie stammt vom „Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest“, einem Zusammenschluss zweier Landesmedienanstalten und dem SWR. Seit 1998 beobachtet der Verbund das digitale Verhalten Jugendlicher. Jahrelang allerdings präsentierte die Studie Zahlen, die viele Praktiker nur mit Kopfschütteln quittierten. Laut der aktuellen Erhebung von 2024 verbringen Jugendliche täglich durchschnittlich 201 Minuten im Netz – also rund drei Stunden und 20 Minuten.
Der Langzeittrend zeigt wenig Veränderung: Von 192 Minuten im Jahr 2014 über 205 Minuten 2019 bis zu 201 Minuten im Jahr 2024. Nur in den Coronajahren 2020 und 2021 stiegen die Zahlen kurzfristig auf 258 bzw. 241 Minuten. Laut JIM ist der Medienkonsum also seit einem Jahrzehnt stabil – trotz einer digitalen Revolution.
Blinde Jugendmedienstudie
Denn genau in diesem Zeitraum verschwanden für Jugendliche die finanziellen Hürden durch Flatrates. Die allgegenwärtigen Smartphones wurden so zum 24/7-Werkzeug. Mit TikTok kam 2018 eine Plattform, die durch Kurzvideos und endloses Scrollen das Nutzungsverhalten grundlegend veränderte. Andere Apps zogen nach. Die Medienwelt wurde transformiert – die JIM-Studie aber blieb blind dafür.
Dabei gibt es schon lange Hinweise, dass mit den Zahlen etwas nicht stimmen kann. Forschende des inzwischen eingestellten „Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet“ berichteten, Jugendliche hätten qualitative Interviews über ihre Handynutzung abgebrochen – weil sie unbedingt die Nachrichten auf ihrem Handy lesen wollten.
Eine andere Untersuchung widerlegte dann endgültig die Legende von harmlosen Bildschirmzeiten: Die „Digitalstudie“ der Postbank zeigt, dass Jugendliche in Wahrheit durchschnittlich acht und mehr Stunden online sind – pro Tag. 2019 betrug der Wochendurchschnitt 58 Stunden, 2024 bereits bei 71,5 Stunden. Lehrerin Müller lag mit ihrer spontanen Smartphone-Abfrage also richtig: 16- bis 18-Jährige verbringen inzwischen rund zehn Stunden täglich im Netz. Ein Fulltime-Job.
Können Kinder Algorithmen beherrschen?
Und dennoch versuchen Tech-Unternehmen und viele Medienpädagogen, die Diskussion zu entschärfen. Ihr Argument: Die reine Nutzungsdauer sage wenig aus – entscheidend sei, ob Jugendliche gelernt hätten, ihre Geräte „souverän zu steuern“.
Doch der angeblich selbstbestimmte Umgang ist eine Illusion. Für Kinder und Jugendliche ist eine bewusste Steuerung kaum möglich – ihnen fehlt die nötige Impulskontrolle. Diese ist neurologisch betrachtet erst mit etwa 20 bis 25 Jahren vollständig ausgereift.
Für all jene, deren Impulskontrolle noch nicht entwickelt ist, bedeutet die ständige Social-Media-Nutzung sogar eine reale Gefahr für die Gehirnentwicklung. Denn die Algorithmen der Apps arbeiten mit dem Prinzip Belohnung: Sie lösen gezielt Dopaminschübe aus – das gleiche Glückshormon, das auch bei Drogenkonsum aktiviert wird.
Beim Aufenthalt in sozialen Medien triggern die Zahl an Followern, Likes und das immer wieder stattfindende Zuspielen bestimmter Themen das Dopamin im Hirn des Menschen. Das Glückshormon fokussiert die Nutzerinnen und Nutzer darauf, dies zu wiederholen. Das ist ein völlig normaler Vorgang, den kein Staat regulieren kann oder soll – bei Erwachsenen.
Aber haben nicht wenigstens Kinder Anspruch auf Schutz vor Manipulation ihrer Gehirne?
Zum Autor
Christian Füller ist Bildungsjournalist, der auf Digitales Lernen, Künstliche Intelligenz und Kindermedienschutz spezialisiert ist. Er hat Bücher über schlechte, gute sowie private Schulen geschrieben - und den Missbrauch an der Odenwaldschule. Der Politologe lebt in Berlin.
