pdf Gesundheitsförderung als Teil des Bildungsplans Beliebt
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Wie steht es tatsächlich um die Gesundheit von Lehrenden, Lernenden und deren Eltern in Baden-Württemberg?
Neue Artikelserie zur Gesundheitsförderung in der Schule
In einer mehrteiligen Artikelserie wird die schulische Gesundheitsförderung mit Fokus auf die Primar- und Sekundarschulen in Baden-Württemberg vorgestellt und anhand des tatsächlichen Gesundheitszustands der an der Lebensumwelt Schule beteiligten Personengruppen kritisch erörtert.
Im ersten Artikel werden schulische Gesundheitsförderung mit Blick auf einige ihrer historischen Wurzeln und der Begriff „Gesundheitskompetenz“ erläutert. Die Umsetzung der schulischen Gesundheitsförderung in Baden-Württemberg wird in ihren Grundzügen vorgestellt. In den folgenden drei Artikeln wird dargestellt, inwiefern der tatsächliche Gesundheitszustand von Lernenden, Lehrenden und den Eltern der Lernenden den Zielen der schulischen Gesundheitsförderung für die jeweilige Personengruppe entspricht. Der abschließende fünfte Artikel bildet ein Fazit und stellt bewährte Präventions- und Interventionsansätze für die Schulbeteiligten vor.
Ein Beitrag von Sandra Fuchs, Psychologin und Lektorin
Schulische Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz
In modernen Gesellschaften nimmt Gesundheit eine zentrale Rolle ein (Kickbusch & Hartung, 2015). Kinder und Jugendliche sind durch die Digitalisierung mit zahlreichen und vielfältigen Informationen zum Thema Gesundheit konfrontiert, die teils zutreffend, teils falsch sind (Stauch & Okan, 2024). Nicht nur die Heranwachsenden benötigen folglich eine sogenannte Gesundheitskompetenz, sondern auch deren Eltern und Lehrende. Gesundheitskompetenz, auch bekannt als „Health Literacy“, umfasst Fähigkeiten, die das Auffinden, Verstehen und Bewerten von Gesundheitsinformationen betreffen, um gesundheitsbezogene Entscheidungen treffen zu können (Robert Koch-Institut, 2024). Individuen sind somit in der Lage, Verantwortung für die eigene Gesundheit, aber auch das Wohlbefinden anderer Menschen zu übernehmen (Paulus & Dadaczynski, 2024).
Schulische Gesundheitsförderung zielt auf den Erwerb eben dieser Gesundheitskompetenz ab (Paulus, 2022). P. Paulus, Professor an der Leuphana Universität in Lüneburg, bezeichnet schulische Gesundheitsförderung treffend als „Klammerbegriff“ (Paulus, 2024, S. 741), womit gemeint ist, dass Gesundheitsförderung in der Institution Schule die Bereiche Prävention sowie Gesundheitsbildung und Gesundheitserziehung beinhaltet. Landes- und schulformspezifisch sind Themen wie Ernährung, Bewegung, Sexualverhalten, Suchtprävention, Mobbingprävention, Lern- und Arbeitsplatzgestaltung, Stressmanagement o. Ä. alters- und zielgruppengerecht im entsprechenden Referenzrahmen für Schulqualität und in den Curricula implementiert, um das Ziel einer guten und gesunden Schule zu verwirklichen (Paulus & Dadaczynski, 2024; Kultusministerkonferenz, 2012).
Es würde den Rahmen sprengen, den gesamten Entwicklungsprozess der gegenwärtigen schulischen Gesundheitsförderung zu erläutern und zudem ihre vielfältigen Realisierungsformen auf globaler, internationaler und nationaler Ebene oder auch nur für sämtliche Bundesländer aufzuführen (vgl. beispielsweise Paulus, 2022; Paulus & Dadaczynski, 2024). Kurz betrachtet werden zumindest Meilensteine und generelle Aspekte, die auch Eingang gefunden haben in die „Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule“ gemäß dem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) aus dem Jahr 2012. Die KMK schließt sich der Sichtweise der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization/WHO) an, die Gesundheit seit der Verabschiedung der Jakarta-Erklärung im Jahr 1997 als grundlegendes Menschenrecht und essenzielle Voraussetzung für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft betrachtet (WHO, 1997). Der KMK (2012) zufolge bildet Gesundheit ein „unverzichtbares Element einer nachhaltigen Schulentwicklung“, insbesondere da Studien einen deutlichen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bildungserfolg nahelegen. Neben dem Erwerb von Health Literacy (vgl. Stauch & Okan, 2024) zielt schulische Gesundheitsförderung darauf ab, die Lehrenden sowie die Familien der Lernenden einzubeziehen. Für die Lernenden sollen je nach Schulform Themen wie beispielsweise Ernährung, Bewegung und Suchtprävention alters- und zielgruppengerecht in den Schulalltag und den Unterricht integriert werden. Die von den Kultusministern aufgestellten generellen Grundsätze von Gesundheitsförderung und Prävention sind auf Länderebene in Rahmen- und Bildungsplänen zu berücksichtigen und im Schulalltag umzusetzen, damit die genannten Ziele schulischer Gesundheitsförderung erreicht werden (KMK, 2012).
In Baden-Württemberg ist Prävention und Gesundheitsförderung als Leitperspektive in den aktuellen Bildungsplänen verankert. Zentrale Themen- und Handlungsfelder dieser Leitperspektive sind Selbstregulation, Ressourcenorientierung, gegenseitige Wertschätzung, Lösungsorientierung und soziale Beziehungen. (Land Baden-Württemberg, vertreten durch das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung [ZSL], o. J._a). Für die nachhaltige Verankerung der Prävention in den Schulen wurde das Landesrahmenpräventionskonzept „stark. stärker. WIR.“ entwickelt, das die Förderung von Lebenskompetenzen sowie die Stärkung persönlicher Schutzfaktoren als Ziele von Prävention und Gesundheitsförderung ansieht. Das landeseigene Konzept schafft Rahmenbedingungen und Strukturen für eine erfolgreiche Präventionsarbeit. Beispielsweise werden Schulen bei der Umsetzung des Konzepts durch Präventionsbeauftragte begleitet, Fortbildungen für Lehrende und Themenabende für Eltern angeboten. Die Lernenden erfahren somit eine optimale Begleitung in ihrem Entwicklungsprozess (ZSL, o. J._b).
Im Mittelpunkt des Konzepts „stark. stärker. WIR.“ stehen die Lernenden. Schulen sollen die Lernenden unterstützen, Lebenskompetenzen und Schutzfaktoren zu entwickeln, die den Heranwachsenden aktuell und auf lange Sicht helfen sollen, mit alltäglichen Herausforderungen umzugehen. Diese Unterstützung kann auf Ebene von Individuen, auf Klassen- und auf Schulebene erfolgen. In Baden-Württemberg wird eine Schule dann als eine gute und gesunde Schule angesehen, wenn diese über Rahmenbedingungen verfügt, die sich als förderlich für das Lernen sowie die Gesundheit erweisen und präventiv wirken (ZSL, o. J._b).
Sie haben in diesem ersten Artikel erfahren, was sich explizit hinter den Begriffen der schulischen Gesundheitsförderung sowie der Gesundheitskompetenz beziehungsweise Health Literacy verbirgt. Ihnen wurden die generellen Ziele und Grundsätze schulischer Gesundheitsprävention vorgestellt und deren Umsetzung in Baden-Württemberg aufgezeigt. In der nächsten Ausgabe wird die Gruppe der Lernenden näher beleuchtet und dabei der Schwerpunkt auf den tatsächlichen Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen in der Primar- und Sekundarstufe in Baden-Württemberg gelegt.
Was vermuten Sie als Eltern oder als Lehrkraft, wie geht es Ihrem Kind oder den Kindern/Jugendlichen in ihrer Klasse gesundheitlich? Werden Ihrer Ansicht nach die Aspekte, die zu einer gesundheitsförderlichen Schule beitragen, bisher erfolgreich und Ihren Erwartungen entsprechend umgesetzt?
Zur Autorin
Sandra Fuchs hat sich während des Masterstudiums als freie Lektorin, (Ko-)Autorin und Schreibberaterin selbstständig gemacht. Das Fach Bildungspsychologie sowie Fortbildungen in beispielsweise gewaltfreier Kommunikation oder Beratung in der Sozialen Arbeit haben die Psychologin unter anderem für das weite Feld der Gesundheit im Bildungskontext begeistert.
Literatur:
- Kickbusch, I. & Hartung, S. (2015). Die Gesundheitsgesellschaft. Konzepte für eine gesundheitsförderliche Politik (2., vollst. überarb. Aufl.). Huber. Abgerufen am 07.11.2024 unter https://www.ciando.com/img/books/extract/3456946759_lp.pdf
- Kultusministerkonferenz (KMK) (2012). Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 15.11.2012). Abgerufen am 07.11.2024 unter https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_11_15-Gesundheitsempfehlung.pdf
- Land Baden-Württemberg, vertreten durch das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) (o. J._a). Bildungspläne Baden-Württemberg. Prävention und Gesundheitsförderung (PG). Abgerufen am 09.11.2024 unter https://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/LP/PGhttps://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/LP/PG
- Land Baden-Württemberg, vertreten durch das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) (o. J._b). stark. stärker. WIR. – Das Konzept. Abgerufen am 09.11.2024 unter https://zsl-bw.de/,Lde/15980493https://zsl-bw.de/,Lde/15980493https://zsl-bw.de/,Lde/15980493https://zsl-bw.de/,Lde/15980493
- Paulus, P. (2022). Schulische Gesundheitsförderung von Ottawa bis heute: Chancen und Herausforderungen. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 7-8, 741-748. https://doi.org/10.1007/s00103-022-03550-x
- Paulus, P. & Dadaczynski, K. (2024). Gesundheitsförderung und Schule. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-i051-3.0 Abgerufen am 06.11.2024 unter https://leitbegriffe.bzga.de/alphabetisches-verzeichnis/gesundheitsfoerderung-und-schule/
- Robert Koch Institut (RKI) (23.06.2024). Gesundheitskompetenz. Abgerufen am 08.11.2024 unter https://www.rki.de/DE/Content/GesundAZ/G/Gesundheitskompetenz/Gesundheitskompetenz_inhalt.html
- Stauch, L. & Okan, O. (2024). Gesundheitskompetenzen von Kindern und Jugendlichen. Pflege, 7/2024, 42-45. Abgerufen am 07.11.2024 unter https://www.springerpflege.de/gesundheitskompetenz-von-kindern-und-jugendlichen/27211366
- World Health Organization (WHO) (1986). Ottawa Charter for Health Promotion. Abgerufen am 07.11.2024 unter https://www.who.int/teams/health-promotion/enhanced-wellbeing/first-global-conference
- World Health Organization (WHO) (1997). Jakarta Declaration on Leading Health Promotion into the 21st Century. Abgerufen am 08.11.2024 unter https://www.who.int/teams/health-promotion/enhanced-wellbeing/fourth-conference/jakarta-declaration