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pdf Die Zauberfrage

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Wie die einfache Frage „Was brauchst du?“ zu Verständnis einerseits und Verstandenfühlen andererseits führt

Ein Beitrag von Matthias Zeitler
Lehrer an einer Werkrealschule

In meinen Vorträgen und Fortbildungen beginnt eine der häufigsten Fragen mit: „Matthias, wie würdest du das lösen, wenn …“ Meistens geht es dabei um Unterrichtsstörungen, herausforderndes Verhalten oder psychische Probleme von Schülerinnen und Schülern.

Das Problem an der Frage ist, dass alle geschilderten Situationen sehr individuell sind. Ich bin weder in der konkreten Situation dabei, kann also die Rahmenbedingungen nicht genau einschätzen, noch kenne ich die Kinder und Jugendlichen persönlich. Eine Ferndiagnose ist demnach extrem schwer. Das wäre so, als würde ich beim Arzt anrufen und er würde mir ungesehen einfach starke Medikamente verschreiben.

Weil die Situationen dermaßen individuell sind, kann es keine pauschale Antwort als Allheilmittel und endgültige Lösung geben. Außer die Frage: „Was brauchst du gerade?“

Gesprächsangebote schaffen

Diese Frage hilft, weil sie nicht einfach nur eine Nachfrage ist. Sie zeigt ehrliches Interesse und Verständnis. Sie impliziert die Bereitschaft die Perspektive des anderen sehen und verstehen zu wollen. Diese Frage öffnet Räume und schafft Gesprächsangebote.

Abwandlungen der Frage könnten sein:

  • „Wie fühlst du dich bei …?“
  • „Wovor hast du Angst/Was macht dir besonders Sorgen?“
  • „Was könnte schlimmstenfalls/bestenfalls passieren, wenn du …?“
  • „Wenn du etwas ändern könntest, was wäre das?“
  • „Was fällt dir gerade so schwer?“
  • „Was belastet dich?“
  • „Wobei brauchst du Hilfe?“
  • „Was gefällt dir (nicht) in der Situation?“
  • „Was brauchst du, damit die Situation für dich besser wird?“

Mit dieser Frage löse ich fast alle meiner Probleme im Unterricht. 

Einfach mal zuhören …

Eine wichtige Sache habe ich in dem Zusammenhang von einem ehemaligen Schüler gelernt, den ich gefragt habe, was er bräuchte, damit er sich Erwachsenen mehr öffnen würde. Seine Antwort: „Einfach nur mal zuhören und die Fresse halten!“ Viel zu schnell fühlte er sich überrollt und bevormundet von Ratschlägen von Erwachsenen. Das bedeutet, die beste und einfachste Methode, um Druckquellen abzufangen, ist es also, Gesprächsanlässe und zeitgleich einen Safe Space zu bieten und diesen ebenfalls zu kommunizieren. Jedes Gefühl, jeder Redeschwall, jedes Schweigen ist erlaubt und sogar erwünscht.

Wenn Schülerinnen und Schüler nicht in die Lernphase kommen und sich und andere ablenken, könnte ich natürlich böse werden oder schimpfen. Oder ich mache das einfach nicht und stelle die Zauberfrage.

Der störende Spiegel

Während meines Unterrichts sah ich, wie eine Schülerin ihren Schminkspiegel auspackte. Ich habe erstmal Verständnis, wenn das einigermaßen unauffällig passiert. Offensichtlich haben Teenagerinnen das Bedürfnis zu gucken, ob noch alles passt. Solange das binnen einer kurzen Zeit erledigt ist und der Spiegel wieder wegkommt, ist mir das ehrlich gesagt egal. Nun erkläre ich aber schon einige Minuten und immer wieder fällt mein Blick auf die Schülerin, die sehr konzentriert an ihrer Nase herumfummelt und besorgt wirkt. Ich merke, wie sie mich damit zunehmend aus dem Konzept bringt. 

Anstatt sie nun anzuschreien, was das mit dem Spiegel in meinem Unterricht soll, sage ich: „Du, das irritiert mich gerade sehr. Was brauchst du denn gerade?“ Sie erklärte mir, sie war mit dem Ärmel an ihrem neuen Nasenpiercing hängen geblieben und hatte nun Sorge gehabt, ob noch alles okay sei. Ich schlug ihr vor kurz auf die Toilette gehen und dort das Ganze lösen. 

Eine absolute Win-Win-Situation! Die Schülerin war sichtlich erleichtert, fühlte sich gesehen, ging aus dem Raum und kam kurze Zeit später wieder zufrieden zurück. Die Klasse und ich konnten ungestört weitermachen und sie sich danach wieder beruhigt auf den Unterricht einlassen.

Wertschätzung statt Vorwürfe

Wenn man Kinder wertschätzend und ohne Vorwürfe fragt, woran es denn liegt, dass zum Beispiel die Klassenarbeit nun besser oder schlechter ausgefallen ist, haben die meisten schon selbst eine gute Idee davon. Mögliche Faktoren, die auch schon Grundschulkinder gut benennen können, sind: der Grad der Ablenkung im Klassenzimmer, die Dauer der Konzentration, die Art der Vorbereitung, der Grad der Nervosität, Krankheit, Unwohlsein, Interesse am Fach oder Inhalt oder die Dauer der Vorbereitung. Wenn ihr gemeinsam diese Faktoren herausgefunden habt, ist die wichtigste Frage: „Was brauchst du, damit es nächstes Mal besser ist/genauso bleibt?“

Versetzen wir uns doch mal in die Lage der Kinder und Jugendlichen, die im schulischen Kontext unter Leistungsdruck und Stress leiden. Sie nehmen wahr, dass ständig irgendjemand etwas von ihnen will. Sie spüren jeden Tag, dass Schule zwar leistungsorientiert, aber gleichzeitig überhaupt nicht emotions- oder gesundheitsorientiert ist. Und das, obwohl wir wissen, dass qualitativ hochwertige Leistung nur durch Begeisterung in einem gesunden Menschen entsteht. 

Es kommt mehr oder weniger unterbewusst bei ihnen an: „Ich soll Leistung für die Zukunft des Landes erbringen, aber wie es mir dabei geht, ist der Gesellschaft eigentlich egal, weil ich zu einer Minderheit gehöre.“

Die Frage: „Was brauchst du?“ ermöglicht den Kindern und Jugendlichen mitbestimmen zu können, wie sie besser lernen können. Letztendlich ist dies ein Schritt Richtung Selbstreguliertes Lernen.

Gemeinsam Lösungen erarbeiten

Wenn wir mit Kindern und Jugendlichen offene Gespräche über schulische Herausforderungen führen, zeigt das, dass sie mit ihren Sorgen gehört werden. Gemeinsam kann man nun Lösungen erarbeiten, ohne zusätzlichen Druck auszuüben. Fragen wie „Wie fühlst du dich dabei?“ oder „Wie könnte ich dir helfen?“ stärken das Vertrauen und fördern eine positive Beziehung. 

Die Frage beinhaltet noch etwas anderes. Sie macht deutlich, dass die Erwachsenen ehrliches Intresse haben und dem Gegenüber nicht ihre Idee davon überstülpen wollen, wie sie beispielsweise besser zu lernen und sich besser zu konzentrieren zu haben. Letztendlich lernen sie sogar weniger, wenn wir sie ständig überwachen und sie nur unser Verhalten reproduzieren oder Erwartungen erfüllen. Wenn wir die Rolle des Unterstützers einnehmen, sind wir auf Augenhöhe und machen deutlich: „Wir gehen hier gemeinsam durch. Egal was passiert, ich bin an deiner Seite. Aber du gehst voran. Du bestimmst das Tempo und wohin du gehst.“ Wenn das Kind die Laufrichtung vorgeben darf, bedeutet das automatisch, dass es auch Irrwege gehen, in Sackgassen laufen oder komplizierte Umwege gehen darf. Auch Abkürzungen sind denkbar. Das alles steckt in „Was brauchst du gerade?“ Der Unterschied zur Kontrolle „Mach das jetzt so!“ ist, dass das Kind die Sicherheit hat, dass man es begleitet und ihm nichts passieren kann, es aber selbst herausfinden darf, welcher Weg für es selbst gut funktioniert. In der Rolle des Kontrolleurs wäre man gleichzeitig auch ein Korrektiv, das ständig ruft: „Nein, da nicht lang. Hast du schon daran gedacht, dass …“

In der Antwort auf die Zauberfrage sind alle Gefühle, Sorgen und Themen der Schülerinnen und Schüler willkommen. Zu oft haben wir als Ewachsene Angst davor, keine Antworten auf schwierige Situationen und Fragen zu haben. Aber genau das ist doch auch erlaubt. Unsicherheit schafft es nur, wenn wir anfangen, uns aus der Lage peinlich herausreden zu wollen, anstatt zu sagen: „Danke, dass du das mit mir teilst. Ich würde dir gerne eine kluge Antwort darauf geben. Momentan habe ich aber keine. Was brauchst du denn von mir, was dir guttun würde?“

Die Zauberfrage – auch ein Ausweg

Als eine Schülerin aufgelöst auf mich zukam und sich über eine andere Lehrkraft beschwerte, war ich in einem totalen Loyalitätskonflikt, zumal ich ja gerade nur eine Seite der Geschichte kannte. Ich fragte sie also: „Was brauchst du denn jetzt von mir?“ Und ihre Antwort erschien mir für uns beide sehr erleichternd: „Nichts! Ich wollte mich nur mal auskotzen.“ Kurze Zeit später kam sie wieder zu mir und berichtete, dass sie das Problem mit der Lehrkraft allein geregelt hatte.

Wenn wir also das nächste Mal spüren, dass Kinder und Jugendliche nicht weiterkommen oder auffällig werden, lasst uns die Zauberfrage: „Was brauchst du gerade?“ stellen und dann einfach mal zuhören. Und natürlich haben Grundschulkinder nicht immer eine tolle Antwort parat, aber dann können wir ja immer fragen, ob sie offen für Ideen und Angebote aus erwachsener Perspektive sind.

Zum Autor
Moderator, Fortbildner und Lehrer: Matthias Zeitler ist alles drei und eigentlich liegen die Professionen ja sehr nah beieinander. Auf Instagram zählt er zu den Bildungsinfluencern aus dem (Insta-)Lehrerzimmer, einen Podcast hat er auch und das erste Buch ist geschrieben. Mit seiner Schwäche für Hüte und Kappen ist er immer leicht zu erkennen und von sich selbst sagt er: „Ich liebe Musik und Livekonzerte. Daher fühle ich mich im Schulsystem und auf der Bühne auch manchmal wie ein Punkrocker.“