pdf Selbstvertrauen stärken durch Partizipation
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Ein Beitrag von Matthias Zeitler,
Lehrer an einer Werkrealschule
„Ich kann das einfach nicht!“
Diesen Satz haben wohl alle Lehrkräfte und Eltern schon von Kindern gehört. Dahinter steckt aus meiner Erfahrung nicht nur der Unglaube an die eigene Fähigkeit, sondern ein nicht vorhandener Glaube an sich selbst. Man könnte auch sagen, dass der Satz nicht von hohem Selbstbewusstsein zeugt. Aber ist es wirklich Selbstbewusstsein? Wir meinen meisten das Richtige, verwechseln aber den Begriff Selbstbewusstsein oft mit Selbstvertrauen oder Selbstsicherheit. All das ist wichtig.
Selbstbewusstein
Selbstbewusstsein heißt, sich seiner selbst bewusst zu sein, sich zu beobachten und zu reflektieren. Durch diese Erkenntnisse kann man die Veränderung gehen. Deshalb wäre es falsch einfach zu sagen: „Na klar kannst du das.“ und dem Kind die eigene Selbstwahrnehmung so abzusprechen. Viel wichtiger sind nun andere Sätze von Erwachsenen, um das kindliche Selbstbewusstsein zu stärken: Wie fühlst du dich? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Was muss passieren, damit es dem Kind besser geht?
Selbstvertrauen
Selbstvertrauen oder Selbstsicherheit bedeuten, sich etwas zuzutrauen und an seine Fähigkeiten zu glauben. Es geht also darum die Komfortzone verlassen. Im Selbstbewusstsein ist der Satz „Ich kann das einfach nicht!“ demnach absolut wahr. Im Selbstvertrauen geht es nun darum, an die Fähigkeit zu glauben, es lernen zu können. „Ich kann das einfach NOCH nicht!“ ist eine völlig andere Dimension.
Dieses Wort verändert den Satz in seiner kompletten Aussagekraft und Haltung. In der ersten Aussage ist zwischen den Zeilen eine Frustration und endgültige Aufgabe zu lesen. Im zweiten Satz ist die Erkenntnis enthalten, dass man etwas zum jetzigen Zeitpunkt nicht kann. Gleichzeitig steckt aber der Wille darin, es lernen zu wollen und damit die Option, es in einem noch zu definierenden Zeitabschnitt zu können.
Vielleicht ist deshalb die Steigerung des Selbstvertrauens schwieriger als die des Selbstbewusstseins. Damit man aus der Komfortzone heraus in die Wachstumszone kommt, braucht es kleine Erfolgserlebnisse, denn mit jedem Erfolgserlebnis wächst das Selbstvertrauen. Dabei hilft es, den Lernprozess und nicht das Ergebnis in den Blick zu nehmen, wenn wir also die Anstrengung loben und dabei realistische und kleine Etappenziele setzen. Dabei helfen kann ein Erfolgstagebuch oder alte Marmeladengläser, in denen die Kinder regelmäßig sammeln, was gut gelaufen ist oder was sie gelernt haben. Besonders wirksam sind diese Methoden, wenn sie regelmäßig ausgeführt werden. Aber auch hier wollen wir den Druck rausnehmen und realistisch sein. Es ist auch völlig in Ordnung, wenn an einem Tag mal nichts im Glas oder Tagebuch landet. Dann ist das so!
Noten bestimmen keinen Selbstwert
Kinder dürfen lernen, dass ihr (Selbst)Wert nicht von schulischen Leistungen abhängt. Der Prozess ist wichtiger als die Note. Auch in der Schule ist das ganz einfach möglich, indem wir Kindern und Jugendlichen etwas zutrauen und ihnen zugestehen, lustvoll Fehler machen zu dürfen oder sogar zu scheitern.
Einfach mal machen lassen!
Ein Beispiel aus meinem Schulalltag: Um Geld für die Klassenkasse zu sammeln, organisierten Teenies einen Wassereisverkauf in der Pause. Ich habe sie alles allein machen lassen. Entweder sie schaffen es oder sie scheitern und lernen daraus. Vor allem Teenies, die vorher kaum Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen hatten, sind über sich hinausgewachsen. Sie haben Plakate gestaltet, Eis organisiert und eine Durchsage gemacht. Am Tag des Verkaufs fiel ihnen auf, sie hatten keine Kasse und keinen Verkaufstisch. Beides konnten sie sich über mich beschaffen. In der ersten Pause lief der Verkauf. Eine lange Schlange bildete sich über den gesamten Schulhof. Nach der Pause hörte ich eine Durchsage: „Wir kaufen jetzt nochmal Eis nach und machen in der zweiten Pause weiter. Aber es darf sich dann keiner mehr eine Farbe aussuchen, weil es zu stressig ist. Außerdem bitten wir euch, nicht mehr so zu drängeln, sonst können wir das nicht mehr machen.“ Ich war tief beeindruckt, denn das Sekretariat war nicht besetzt. Sie mussten sich also erneut Hilfe holen. Zudem war die Durchsage frei gesprochen. Kurze Zeit später kamen sie zu mir: „Herr Zeitler, wir wollen das in der nächsten Pause besser koordinieren. Sie hatten doch mal diesen Lautsprecher mit Mikrofon. Bekommen wir den?“ Das war der Moment, als mir Tränen der Freude in die Augen schossen.
Diese sonst sehr zurückhaltenden Teenies haben ein Projekt auf die Beine gestellt, sind auf Herausforderungen gestoßen und haben diese selbstorganisiert und kreativ noch im Prozess gelöst. Ich war beeindruckt. Später stellte sich heraus, dass das nachgekaufte Eis nicht mehr rechtzeitig gefroren war. Sie verkauften es trotzdem mit dem Satz: „Müsst ihr halt zu Hause nochmal reinlegen.“
Auch wenn der Verkauf nicht perfekt lief, nicht jeder ein Eis bekam und lange Warteschlangen entstanden sind, habe ich bewusst nicht eingegriffen. Ich war enorm stolz, denn die Beteiligten haben an Selbstbewusstsein und Problemlösefähigkeit enorm zugelegt und haben dabei noch lustvoll Fehler gemacht. Ein weiterer toller Effekt zeigte sich ein paar Tage später. Eine andere Klasse organisierte ebenfalls einen Eisverkauf. Sie lernte aus den Erfahrungen der ersten Klasse und kündigte an: „Diesmal wird es eine Schlange für die Grundschule und eine für die Werkrealschule geben.“
Perfektion verhindert Lernen
Dieser Entwicklungsprozess wäre nicht denkbar gewesen, wenn der erste Verkauf sofort von Lehrkräften in die Perfektion gelenkt worden wäre. Ein paar Monate später ließen sich die die Teenies bei der Klassensprecherwahl aufstellen und begründeten ihre Entscheidung damit, ihnen sei bewusst geworden, dass sie etwas bewirken können.
Teilhabe und Partizipation bedeutet also nicht, dass Kinder und Jugendliche ab jetzt alles selbst bestimmen, dass sie machen, was sie wollen oder gar wir nur noch das machen, was sie wollen. Es bedeutet Selbstwirksamkeit innerhalb eines vorgegebenen, schützenden Rahmens zu erfahren, um somit letztlich das Selbstbewusstsein zu stärken und so wiederum Selbstvertrauen zu erlangen.
Zum Autor
Moderator, Fortbildner und Lehrer: Matthias Zeitler ist alles drei und eigentlich liegen die Professionen ja sehr nah beieinander. Auf Instagram zählt er zu den Bildungsinfluencern aus dem (Insta-)Lehrerzimmer, einen Podcast hat er auch und das erste Buch ist geschrieben. Mit seiner Schwäche für Hüte und Kappen ist er immer leicht zu erkennen und von sich selbst sagt er: „Ich liebe Musik und Livekonzerte. Daher fühle ich mich im Schulsystem und auf der Bühne auch manchmal wie ein Punkrocker.“
