pdf Verlässliche Schutzräume
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Ein Beitrag von Jerome Braun
Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel
Die Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel beschäftigt sich in der Praxis intensiv mit der Frage, welchen Beitrag Schule für einen gelingenden Schutz von Kindern vor (sexualisierter) Gewalt leisten kann – und leisten muss. Unsere Perspektive ist dabei keine theoretische. Sie speist sich aus der konkreten Zusammenarbeit mit Schulen, Lehrkräften, Schulsozialarbeit, Eltern, Fachberatungsstellen und nicht zuletzt mit Kindern selbst.
Schule ist ein zentraler Lebensraum von Kindern. Sie ist Lernort, Sozialraum, Schutzraum – zumindest sollte sie das sein. Gleichzeitig wissen wir aus Studien und aus der Praxis, dass statistisch ein bis zwei Kinder pro Schulklasse sexualisierte Gewalt erleben. Die meisten dieser Taten finden nicht im schulischen Kontext statt, wohl aber wirken sie in den Schulalltag hinein. Betroffene Kinder tragen ihre häufig traumatischen Erfahrungen mit in den Unterricht, auf den Pausenhof, in Beziehungen zu Gleichaltrigen und Lehrkräften. Schule wird damit zwangsläufig zu einem Ort, an dem sexualisierte Gewalt sichtbar werden kann – oder viel zu oft unsichtbar bleibt.
- eine klare Haltung gegen jede Form von Gewalt
- transparente Zuständigkeiten und Verfahrenswege
- altersgerechte Präventionsangebote für Kinder
- informierte, handlungssichere Lehrkräfte
- eine Einbindung von Eltern und externen Fachstellen
Lehrkräfte sind häufig die ersten Erwachsenen außerhalb der Familie, die Veränderungen im Verhalten eines Kindes wahrnehmen: Rückzug, Leistungsabfall, Aggression, somatische Beschwerden oder auffällige Nähe-Distanz-Probleme. Daraus erwächst eine große Verantwortung. Zugleich erleben wir, dass genau an dieser Stelle erhebliche Unsicherheiten bestehen. Viele Lehrkräfte fragen sich: Darf ich das ansprechen? Was, wenn ich falsch liege? Wen informiere ich? Wie schütze ich das Kind – und mich selbst?
Diese Unsicherheit ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck struktureller Defizite. In Umfragen unter Lehramtsstudierenden und Referendar:innen in Duisburg und Essen wurde deutlich, dass das Thema sexualisierte Gewalt in der Ausbildung kaum eine Rolle spielt. Viele gaben an, zuvor keinerlei praktische Berührungspunkte gehabt zu haben. Dabei erwarten wir von Schulen zu Recht, dass sie Schutzkonzepte entwickeln, Prävention umsetzen und im Ernstfall handlungssicher agieren. Dieser Anspruch kann nur eingelöst werden, wenn Wissen, Haltung und Handlungskompetenz systematisch aufgebaut werden.
Aus genau diesem Grund qualifiziert Hänsel+Gretel seit acht Jahren angehende Lehrkräfte in einer vierstündigen Basisqualifikation durch Fachkräfte aus spezialisierten Beratungsstellen. Mehrere tausend zukünftige Lehrer:innen wurden auf diesem Weg erreicht. Der Effekt ist spürbar: Frühe Sensibilisierung schafft
Sicherheit, senkt Hemmschwellen und stärkt eine professionelle Haltung, die Kinder in den Mittelpunkt stellt.
Doch Ausbildung allein reicht nicht aus. Schule ist ein komplexes System, in dem viele Professionen zusammenwirken. Deshalb haben wir als Konsequenz aus dem großen Wissensdefizit die achttägige Fortbildung FFIPS – Fachkraft für Intervention und Prävention bei sexualisierter Gewalt an Schulen – entwickelt. Sie richtet sich bewusst an alle pädagogischen Mitarbeitenden: Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter:innen, Sonderpädagog:innen, Erzieher:innen im Ganztag. Ziel ist es, die Teilnehmenden handlungskompetent zu machen – nicht nur für den Einzelfall, sondern für die nachhaltige Implementierung von Schutzkonzepten im Schulalltag.
- fundiertes Basiswissen
- Präventionskompetenz
- Handlungssicherheit in der Intervention
- Know-how zur Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten
- Raum für Reflexion und Prüfung
In fünf Modulen erwerben die Teilnehmenden fundiertes Fachwissen, lernen Präventionsstrategien kennen, üben Intervention und entwickeln Schutzkonzepte weiter. Besonders wichtig ist uns dabei eines: Schutzkonzepte dürfen keine formalen Dokumente sein, die im Regal verstauben. Sie müssen gelebt werden – im Kollegium, im Unterricht, im Umgang miteinander. Schulen, die diesen Weg gehen, berichten von einer spürbaren Veränderung der Schulkultur.
Ein weiterer zentraler Baustein ist die Prävention mit Kindern selbst. Seit 2011 ist unsere Mitmach-Ausstellung „Echt Klasse!“ im Dauereinsatz. Über 110.000 Kinder an mehr als 450 Schulen wurden erreicht. In sechs interaktiven Stationen lernen Grundschulkinder altersgerecht, spielerisch und angstfrei, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen, zwischen guten, schlechten und komischen Berührungen zu unterscheiden, Nein zu sagen, ihrem Gefühl zu vertrauen und sich Hilfe zu holen. Prävention bedeutet hier nicht Angst zu machen, sondern Kinder stark zu machen.
Entscheidend ist dabei der systemische Ansatz. „Echt Klasse!“ richtet sich nicht nur an Kinder, sondern immer auch an Lehrkräfte und Eltern. Die Schulungen für das Kollegium sind verpflichtend, die Elternabende freiwillig. Genau hier zeigt sich eine der größten Herausforderungen: Die Beteiligung der Eltern ist vielerorts ausbaufähig. Wir erleben alles – von 180 Teilnehmenden bis hin zu drei Personen. Im Durchschnitt kommen etwa 20 Eltern bei einer Schülerschaft von rund 250 Kindern. Dabei sind Eltern die wichtigste Schutzinstanz im Leben eines Kindes.
- ihren Körper und ihre Grenzen wahrzunehmen
- zwischen guten, schlechten und komischen Berührungen zu unterscheiden
- Nein zu sagen
- ihrem Gefühl zu vertrauen
- Hilfe zu holen
Diese Realität fordert uns heraus, neue Wege zu gehen. In FFIPS-Durchgängen berichten Teilnehmende immer wieder von innovativen Ansätzen: Elternveranstaltungen am Morgen, wenn Kinder zur Schule gebracht werden; kürzere, niedrigschwellige Formate; Kombinationen aus Präsenz und digitalen Angeboten. Solche Beispiele zeigen, dass Beteiligung möglich ist, wenn wir die Lebensrealitäten von Familien ernst nehmen.
Aus unserer Sicht ist klar: Schule kann und muss einen zentralen Beitrag zum Kinderschutz leisten. Sie kann hinschauen, ansprechen, begleiten und vernetzen. Sie stößt jedoch dort an Grenzen, wo Wissen fehlt, Zeit fehlt oder professionelle Unterstützung nicht ausreichend verfügbar ist. Genau hier braucht es Impulse von außen. Die Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel versteht sich als Impulsgeber – als Partner von Schulen und Lehrkräften, die Kinder und Eltern erreichen wollen. Kinderschutz ist keine Zusatzaufgabe, sondern Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrags. Er braucht Kontinuität, Qualifizierung und verlässliche Strukturen. Wenn Schule, Eltern und externe Fachstellen gemeinsam handeln, entstehen Schutzräume, die diesen Namen verdienen. Dafür setzen wir uns ein – jeden Tag, für jedes einzelne Kind.
Zum Autor
Jerome Braun (52) ist Mitgründer und Geschäftsführer der Deutschen Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel. Die Stiftung schützt und stärkt Kinder vor körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt und entwickelt nachhaltige Strukturen für wirksamen Kinderschutz. Seit 1997 engagiert sie sich bundesweit aus unterschiedlichen Perspektiven des Kinderschutzes und erreicht mit ihren anerkannten Projekten jährlich mehrere zehntausend Kinder, Jugendliche und Eltern. Schulen, Kitas, Einrichtungen sowie pädagogische Fachkräfte profitieren deutschlandweit von dieser Arbeit.
