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pdf Uns geht's gut?

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Schülerinnen und Schüler kämpfen für ihre mentale Gesundheit

Ein Beitrag von Elliot Belmadani
Schüler am Gymnasium Vegesack, Bremen

„Uns geht‘s gut?“ – Diese provozierende Frage stellt die Bundesschülerkonferenz (BSK) seit Mai 2025 an Politik, Medien und Gesellschaft. Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Vielen von uns geht es nicht gut. Und das müssen wir endlich laut aussprechen.

Zahlen sprechen eine klare Sprache

Jede fünfte Schülerin in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten. 21 Prozent der 8- bis 17-Jährigen kämpfen mit Ängsten, Depressionen oder psychosomatischen Beschwerden. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen leidet unter psychischen Belastungen, ausgelöst durch Einsamkeit, Zukunftsängste und schulischen Druck. Das zeigen aktuelle Studien wie die COPSY-Studie und das Deutsche Schulbarometer 2024.

Besonders alarmierend: Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt 18 Wochen. 18 Wochen, in denen es Betroffenen oft noch schlechter geht. 18 Wochen, in denen Krisen eskalieren können.

Darum diese Kampagne!

Die Bundesschülerkonferenz vertritt als demokratisch legitimierte Organisation über 7,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Wir haben diese Kampagne nicht aus theoretischem Interesse gestartet, sondern aus direkter Betroffenheit. Wir erleben täglich, wie Jugendliche unter Leistungsdruck zerbrechen. Wie talentierte junge Menschen aufgeben, weil das System sie überfordert. Wie psychische Erkrankungen bagatellisiert oder tabuisiert werden.

Wir erleben eine Gesellschaft, die junge Menschen vergisst. Die Untätigkeit der Politik und das Desinteresse vieler Erwachsener sind Folgen eines gefährlichen Irrtums: Statt zu fragen, wie es jungen Menschen wirklich geht, wird das Ausbleiben eines großen Aufschreis als Bestätigung verstanden, dass alles in Ordnung sei. Ist es aber nicht.

Schule: Problem oder Lösung?

Schulen können und müssen Teil der Lösung sein. Sie erreichen alle Kinder und Jugendlichen und können als stabiler Schutzfaktor wirken, besonders für Heranwachsende aus sozial benachteiligten Familien. Doch aktuell wird diese Schutzfunktion nicht ausreichend erfüllt.

20 Prozent der Schülerinnen und Schüler berichten von geringem schulischem Wohlbefinden. Bei Kindern aus einkommensschwachen Haushalten sind es sogar 30 Prozent. Die Unterstützung durch Lehrkräfte ist dabei entscheidend: Schülerinnen, die sich emotional und kognitiv unterstützt fühlen, zeigen ein deutlich höheres Wohlbefinden.

Barrieren: Scham & Stigmatisierung

51 Prozent der Jugendlichen möchten nicht, dass ihr Umfeld von ihrer Inanspruchnahme von Hilfsangeboten erfährt. 28 Prozent befürchten, dass Lehrkräfte sie nach Bekanntwerden ihrer psychischen Probleme anders behandeln. 36 Prozent empfinden es als unangenehm, über emotionale Probleme zu sprechen – bei psychisch auffälligen Heranwachsenden sind es sogar 61 Prozent.

Diese Zahlen zeigen: Scham und Angst vor Stigmatisierung sind zentrale Barrieren. Deshalb brauchen wir nicht nur mehr Fachkräfte, sondern auch eine Kultur der Offenheit und Entstigmatisierung.

Kampagnenaktionen

Von Mai 2025 bis Ende 2026 setzen wir auf vielfältige Formate: Schulaktionen bundesweit, digitale Videoreihen, Social-Media-Kampagnen und persönliche Geschichten. Der Höhepunkt war unser dreitägiger Bildungskongress im Januar 2026 in Berlin mit 200 Teilnehmenden, bei dem Schülerinnen und Schüler, Fachkräfte aus Therapie und Beratung, Lehrkräfte und die Bildungspolitik gemeinsam konkrete Lösungen entwickelt haben.

Eltern als Verbündete

Diese Kampagne richtet sich nicht gegen Erwachsene, sondern lädt sie ein, Verbündete zu werden. Eltern kennen die Belastungen ihrer Kinder aus nächster Nähe. Ein Viertel der Eltern, die schulische Hilfe suchten, erhielt keine Unterstützung. Ein weiteres Viertel konnte keine Unterstützung organisieren oder suchte diese gar nicht erst.

Gemeinsam können wir mehr erreichen. Elternvertretungen wie der Landeselternbeirat Baden-Württemberg sind wichtige Partner, um Druck auf die Politik auszuüben und strukturelle Veränderungen einzufordern.

Was jetzt passieren muss

Individuelle Therapie greift zu kurz, wenn Schule fortlaufend neue Belastungen erzeugt. Notwendig sind strukturelle Reformen: kleinere Klassen, bessere Ausstattung mit Fachkräften und eine kritische Überprüfung und Anpassung der schulischen Leistungsbewertung, um Belastungen für Kinder und Jugendliche zu reduzieren.

Die geforderte Ausstattung mit Fachkräften ist ambitioniert – bei 7,5 Millionen Lerndenden würde sie etwa 25.000 Fachkräfte der Schulpsychologie und 50.000 Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter erfordern. Aber ist das wirklich zu viel verlangt, wenn es um die Gesundheit einer ganzen Generation geht?

Unser Appell

„UNS GEHTS NICHT GUT – aber wir kämpfen für Besserung!“ – Das ist unsere Botschaft. Wir ergreifen selbst das Wort, benennen Probleme und entwickeln konkrete Lösungen. Doch wir können das nicht allein schaffen.

  • Wir brauchen Eltern, die mit uns für bessere Bedingungen kämpfen. 
  • Wir brauchen Lehrkräfte, die uns als Partnerinnen und Partner sehen. 
  • Wir brauchen eine Politik, die endlich handelt, statt nur zu reden. 
  • Und wir brauchen eine Gesellschaft, die junge Menschen ernst nimmt.

Die Frage „Uns geht‘s gut?“ erfordert eine ehrliche Antwort. Und die ehrliche Antwort ist: 
Noch nicht. Aber gemeinsam können wir das ändern.

Die vier Säulen der Kampagne:

Die Forderungen gliedern sich in vier zentrale Bereiche:
1. Psychische Belastungen im Schulalltag reduzieren
Klausurenstress, übervolle Stundenpläne, Leistungsdruck in viel zu großen Klassen – der Schulalltag ist für viele eine Dauerbelastung. Wir fordern einen Paradigmenwechsel: Weg von reiner Leistungsorientierung hin zu einer pädagogischen Haltung, die schulisches „Scheitern“ als Teil des Lernprozesses anerkennt. Schulen brauchen Entlastungsstrukturen, Rückzugsräume und einen toleranten Umgang mit unterschiedlichen Leistungsniveaus.
2. Professionelle Unterstützungsstrukturen massiv ausbauen
Wir fordern einen Schlüssel von 1 : 300 bei der Schupsychologie und 1 : 150 bei der Schulsozialarbeit. Mental-Health-Coaches nach dem Modell des Bundesfamilienministeriums sollen flächendeckend eingeführt werden. Diese multiprofessionellen Teams müssen strukturell abgesichert und gesetzlich verankert werden.
3. Neurodiversität anerkennen und fördern
2 bis 6 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben ADHS, etwa 1 Prozent eine Autismus-Spektrum-Störung. Dennoch fehlt es an Verständnis, Fortbildungen und niedrigschwelligen Unterstützungsangeboten. Wir fordern verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte sowie Nachteilsausgleiche bereits bei begründetem Verdacht – nicht erst nach jahrelanger Diagnostik.
4. Diskriminierung bekämpfen
Mobbing, Cybermobbing, Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit belasten die psychische Gesundheit massiv. Wir fordern umfassende Präventionsprogramme, regelmäßige Erhebungen und niedrigschwellige Beratungsangebote an jeder Schule.

uns-gehts-gut.de

Zum Autor
Elliot Belmadani ist Mitglied des Kernteams der bundesweiten Mental-Health-Kampagne UNS GEHT‘S GUT? und engagiert sich insbesondere in den Bereichen mentale Gesundheit, Bildungsgerechtigkeit, nachhaltige Bildung und Demokratiebildung. Der Schüler aus Bremen macht 2026 sein Abitur und engagiert sich neben seinen Aktivitäten auf Schul-, Bundesland- und Bundesebene in einer Schülerfirma mit Fokus auf digitale Medien, Webentwicklung und kreative Projekte.