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pdf Wutöschingen als Abziehbild? Beliebt

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Schule macht Schule

Ein Beitrag von Matthias Zeitler
Lehrer an einer Werkrealschule

Erster Eindruck: Schule ohne Grenzen

Keine Klassenzimmer, keine Hausaufgaben, keine Noten, keine Klassenarbeiten, viele Freiräume und ein Schulhaus, das auch im „Schöner Wohnen“-Katalog erscheinen könnte. Das ist, sehr verkürzt, mein erster Eindruck der Alemannenschule in Wutöschingen.

Begrüßung und Atmosphäre

Den Weg zum Sekretariat weisen mir drei höfliche Schülerinnen, die mich lächelnd begrüßen. Sie scheinen es gewohnt zu sein, dass fremde Menschen nach dem ehemaligen Schulleiter Stefan Ruppaner fragen, um die Schule zu besichtigen. Mit ihm zusammen begehe ich die Schule. 

Quer über den Schulhof rufen Schüler: „Hallo Herr Ruppaner, was machen Sie heute?“ – „Die Schule anschauen.“ entgegnet Stefan. „Aber Sie waren doch mal Schulleiter, Sie müssen die doch kennen.“ „Ach ja, das Alter, kann mich nicht mehr erinnern.“ Ab jetzt war mir nicht nur das Humorlevel klar, sondern auch das Ansehen des ehemaligen Schulleiters. Mir fällt auf, dass hier jeder jeden höflich grüßt. Alle scheinen sich absolut wohlzufühlen. Es liegt kein Müll herum, keine Ansätze von Vandalismus.

Skepsis und erste Erkenntnisse

Um ehrlich zu sein, bleibe ich skeptisch. Irgendwo muss hier ein Haken sein. Ich bin ein Verfechter der Werkrealschule. Ich bin der Meinung, dass die Gemeinschaftsschule ihre Daseinsberechtigung hat, aber sicher nicht das Allheilmittel für alle und alles ist. Ich möchte mich jetzt nicht einlullen lassen, gleichwohl konnte ich schon im Vorfeld an einigen Ideen der Alemannenschule gut andocken. Zudem lassen sich die Erfolge der Schule nicht wegdiskutieren. Beispielsweise schneiden die Abschlussschülerinnen und -schüler deutlich besser ab als der Landesdurchschnitt. Ich werde doch nicht etwa einknicken … Stefan macht mir sofort deutlich, dass er niemanden vom Konzept der Gemeinschaftsschule überzeugen will. Im Laufe des Tages wird mir klar, er ist nicht angetreten, um über Schulformen zu diskutieren. Wahrscheinlich ist ihm egal, wie die Schulart heißt. Er ist überzeugt von seinem Konzept der Pädagogik, der Art zu Lernen und Schule zu gestalten. Seiner Meinung nach funktioniert das an jeder Schulart, wenn man nur will.

Lernen mit Freiheiten: Input-Raum und Marktplatz

Okay, ich bin bereit und ziehe meine Hausschuhe, denn nur mit denen darf man durch das Haus gehen. Stefan zeigt mir einen Raum mit einem Stehtisch in einer Form einer spitzen Ellipse – der Input-Raum. In diesem Raum können die Kinder und Jugendlichen sich etwas von den Lernbegleitern, wie die Lehrkräfte hier heißen, erklären lassen. Sie müssen es aber nicht. Je nach Phase (Klassenstufe) haben die Lernenden einen festen Stundenplan, der aber auch viele Freiheiten für eigene Interessen und Projekte lässt. Laut diesem Stundenplan geht man entweder in den Input oder man lernt auf dem Marktplatz zusammen mit anderen oder allein im Lernatelier. In diesem sind wir jetzt angekommen. Obwohl gerade niemand im Raum ist, flüstert Stefan mit mir automatisch, denn das ist hier Pflicht. Weiter geht es zu Räumen, in denen man in Gruppen lernen oder sich austauschen kann. Sie sind mit Vorhängen abtrennbar oder durch Scheiben getrennt. Stefan gibt einer Schülerin das nonverbale Zeichen die Lampe in der Ecke anzuschalten. Auch die nächste Gruppe von Schülern macht wie automatisch die Lampe an. Sie wissen genau, auf was der ehemalige Schulleiter wert legt. „Auch bei Tageslicht kann man die Lampen anmachen. Das gibt eine andere Atmosphäre, in der man besser lernt.“ Im Chemieraum treffen wir auf eine Lehrkraft, die mir erklärt, dass selbst die Handynutzung über die Graduierung gut in den Griff zu bekommen ist. In bestimmten Räumen ist das Handy erlaubt, auch abhängig vom Grad der Jugendlichen. Stimmt, da war noch etwas: je nach Graduierung (Neustarter, Starter, Durchstarter, Lernprofi) haben die Lernenden hier mehr oder weniger Freiheiten und werden mehr oder weniger eng geführt. Durch dieses System disziplinieren sich die Schülerinnen und Schüler selbst. Denn augenscheinlich wollen alle möglichst viel Freiheiten und möglichst nicht durch einen Regelverstoß degradiert werden.

Der kleine Haken

Auf dem Weg durch die Räume finde ich endlich meinen Pseudo-Haken. Ein Mülleimer, der überquillt und dadurch Papierkugeln auf dem Boden liegen. Ich lächle und bin froh, etwas zu sehen, was mir vertraut vorkommt. Vorbei an Jugendlichen, die ihre Mittagspause und Auszeit hinter den Vorhängen genießen und einfach nur abhängen, aber immer noch freundlich grüßen. Stefan und ich treffen eine Schülerin, die in der Oberstufe ist. Sie schreibt mittlerweile Prüfungen, die etwas mehr an die Klassenarbeiten erinnern, die man im Regelschulsystem kennt. Vorher hat auch sie sogenannte Gelingensnachweise erbracht. Hat sie sich mit einem Thema befasst, hat sie sich an ihren Lernbegleiter gewandt, der den Nachweis abgenommen hat. Entweder hat sie bestanden oder durfte die noch nicht perfekte Kompetenz nochmals nachlernen und „abprüfen“ lassen. So können Schülerinnen und Schüler bis Klasse 9 nicht nur in allen Fächern auf verschiedenen Niveaustufen, sondern auch in unterschiedlichen Jahrgangsstufen lernen.

Dennoch kommen zentrale Abschlussprüfungen und Vergleichstests auf die Jugendlichen zu, die sie dann eben schreiben.

Augenhöhe und Vertrauen

Ich habe mich im Vorfeld zwar intensiv mit der Alemannenschule beschäftigt, bin aber dennoch vor Ort von der Atmosphäre und dem Umgang miteinander fasziniert. Ich ziehe meine Hausschuhe wieder aus und habe aufgegeben den Haken zu suchen, denn ich habe verstanden: Das Konzept funktioniert u.a. deshalb, weil Erwachsene und Jugendliche auf Augenhöhe zusammen sind und weil Erwachsene ihnen Vertrauen geben. Die Alemannenschule zeigt, wie Schule und Lernen funktionieren können. Sicherlich ist das immer noch keine Schule, die für alle Menschen funktioniert, aber sie kommt schon ziemlich nah ran. Zur Wahrheit gehört auch, dass Werkrealschulen aus dem Umfeld Jugendliche aufnehmen, die mit dem selbstorganisierten Lernen in Wutöschingen nicht klarkommen oder deren Eltern mehr Druck fordern. Druck, den Stefan und sein Team nicht bieten wollen.

Inspiration für die eigene Schule

Auch wenn man sicherlich nicht alles 1:1 in der eigenen Schule umsetzen kann, aber Anleihen und Adaptionen im eigenen, individuellen Rahmen sind sicher möglich. Ich arbeite in Abschlussklassen schon lange mit Inputphasen und freien Lernräumen. Nun möchte ich auch über eine Graduierung innerhalb der Klasse nachdenken und darüber, wie ich selbstorganisiertes und -reguliertes Lernen besser fördern kann. Wutöschingen ist kein Abziehbild für alle Schulen, aber bietet genug Inspiration für sinnvolle Schulentwicklung.

Weiterhören
Alle Eindrücke und das ausführliche Gespräch mit Stefan Ruppaner gibt es in Matthias Zeitlers Podcast „Schule Backstage!“ unter dem Direktlink
kurzlinks.de/ruppaner

Zum Autor
Moderator, Fortbildner und Lehrer: Matthias Zeitler ist alles drei und eigentlich liegen die Professionen ja sehr nah beieinander. Auf Instagram zählt er zu den Bildungsinfluencern aus dem (Insta-)Lehrerzimmer, einen Podcast hat er auch und das erste Buch ist geschrieben. Mit seiner Schwäche für Hüte und Kappen ist er immer leicht zu erkennen und von sich selbst sagt er: „Ich liebe Musik und Livekonzerte. Daher fühle ich mich im Schulsystem und auf der Bühne auch manchmal wie ein Punkrocker.“