pdf Wir können alles, außer Mathe
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Ein Beitrag von Christian Füller
Bildungsjournalist
Die neue bundesweite Bildungsstudie zeigt gemischte Ergebnisse: Im bundesweiten Ranking liegt Baden-Württemberg zwar auf Platz 3. Aber auch zwischen Heidelberg, Freiburg, Stuttgart und Konstanz nehmen die Kompetenzwerte der Schülerinnen und Schüler stark ab – ausgerechnet in den Natur- und Technikwissenschaften.
Die intellektuellen Schwächen der Schüler nehmen alarmierende Ausmaße an. Wenn ihnen zum Beispiel der Bus davongefahren ist, dann ist ein Fünftel der Schüler nicht mehr in der Lage, sich im Busfahrplan einen Ersatzweg zu suchen. Ob solche Kinder und Jugendliche jemals an ihr Ziel kommen „Diese Kinder muss man in der Sekundarstufe sehr gezielt fördern, damit sie das aufholen“, sagt dazu Petra Stanat der Südwestpresse. Die Leiterin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Hauptautorin der Schockstudie „Bildungstrend 2024“ warnt. „Wenn dies nicht gelingt, werden sie beim Übergang in eine Ausbildung oder in den Arbeitsmarkt große Probleme haben.“
Die neuen Trend-Ergebnisse sind im Grunde schlimmer als beim Pisa-Schock vor 25 Jahren. Die Kompetenzwerte der getesteten 15-jährigen sind im Vergleich zu damals schlechter. 2021 galt ein Viertel als so genannte Risikoschüler, die also im Klassenzimmer genau wie in der Zukunft stark versetzungsgefährdet sind. Diesmal lautet die Kennziffer 34 Prozent. Ein Drittel der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler erreicht in Mathematik den Mindeststandard nicht. Auch in Baden-Württemberg liegt der Wert der Mathe-Versager bei 31,5 Prozent. Das ist besonders in einem Technologieland ein Problem. Wie kann es also sein, dass die drittinnovativste Region der Welt einen großen Teil seiner Schülerinnen und Schülernausgerechnet beim Rechnen abhängt?
Ein Drittel schafft Mindeststandard in Mathe und Chemie nicht
Die reale Lage von Baden-Württembergs Schülerinnen in den MINT-Fächern Mathematik Physik, Biologie und Chemie ist schlechter als es der dritte Platz im Deutschland-Ranking vermuten lässt. Die getesteten 15-jährigen liegen mit ihren Kompetenzen zwar über dem deutschen Durchschnitt. Aber auch in Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe usw. erleiden die Schüler empfindliche Kompetenzverluste im Vergleich zum Jahr 2018. In Mathematik geht es um 19 Punkte runter. In Biologie verlieren die Neuntklässler aus Baden-Württemberg 15 Punkte. In Chemie stehen minus 12 Punkte im Bericht, in Physik minus 7 Punkte. Was ist los im Land der Erfinder, Tüftler und Schaffer?
Diese Kennziffern sind Mittelwerte, statistische Artefakte, die dem Bürger wenig sagen. Wie gravierend die Situation ist, lässt sich an den Quoten derjenigen SchülerInnen ablesen, die nicht einmal den Mindeststandard erreichen. Allein in Mathematik ist das im Südwesten des Landes das erwähnte Drittel. Aber auch in Chemie dürfte etwa ein Drittel der SchülerInnen das Kompetenzminimum verfehlen. In den Naturwissenschaften aber gab das IQB, das den Bildungstrend von März bis Juli letzten Jahres erhob, die Verfehlt-Werte nur für die Teilpopulation jener Schüler an, die den Mittleren Schulabschluss anstreben. Das erschwert den Vergleich zu Mathe - und schönt ihn. Einfach ausgedrückt: in den Realschulen erreichen 23,1 Prozent der Schüler das Mindestniveau in Chemie nicht; in Physik sind es 12,5 Prozent und in Biologie 8,8 Prozent. Die Landesregierung muss wohl ihren Werbespruch überarbeiten: Wir können alles – außer Hochdeutsch, Mathe und Naturwissenschaften.
Industrie schlägt Alarm
Bei der Industrie im Ländle läuten die Alarmglocken. Wie will man Mercedes, Porsche, Trumpf, Grohe und die vielen Technologie-Mittelständler, die es überall in Baden-Württemberg gibt, erfolgreich managen, wenn die Jugend praktisch von Dyskalkulie befallen ist?
„Unsere Betriebe sind auf Nachwuchs angewiesen, der komplexe technische Zusammenhänge versteht und Innovationen vorantreiben kann“, sagte Stefan Küpper, der Südwestmetall-Geschäftsführer für Politik, Bildung und Arbeitsmarkt. Aber Kultusministerin Theresa Schopper (Bündnis 90/Die Grünen) spielte den Ball sofort zurück. Die Schule allein könne es nicht richten, sagte sie. „Auch die Eltern müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und sich partnerschaftlich für eine gute Bildung engagieren.“ Das bedeutet: Schopper ist zwar politisch für den Bereich zuständig, der gerade getestet wurde. Aber sie will dafür allenfalls zum Teil Verantwortung übernehmen.
Tatsächlich ist die Frage nach den Ursachen für den zweiten Bildungsschock kompliziert. Was das kennzeichnende an der Kompetenzlage diesmal ist: die Leistungen gehen überall zurück. In allen Fächern aus dem MINT-Bereich. In allen Schulformen vom Gymnasium bis zur Werkrealschule. In allen soziologischen Gruppen von den Kindern der Hartz-IV Empfänger:innen bis zu denen der Manager. Aber es gibt zugleich wenig eindeutige kausale Hinweise dafür. Die Bildungsministerinnen waren bei der Vorstellung des Bildungstrends dennoch ziemlich einfallsreich: Corona soll – wieder einmal – schuld sein; die heterogene Schülerschaft; das fast zur Schau gestellte Desinteresse der Generation „Fridays for Future“ an Naturwissenschaften; und erstmals rückt auch Social Media in den Fokus. Theresa Schopper verwies – wie andere Ministerkolleginnen auch – auf Ablenkung und Konzentrationsmängel, die durch die sozialen Medien hervorgerufen werde.
Spielt Social Media eine Rolle?
Die Ministerinnen erhofften sich von den Forschern um Petra Staat genauere Auskunft über die Ursachen des Absturzes. Dahinter liegt allerdings eine Fehlannahme. Die Kompetenzmessungen des Berliner Instituts für die Qualität im Bildungswesen setzt die gemessenen Leistungen zwar in Korrelation zu sozialen und anderen Faktoren. Aber man kann halt keinen Zusammenhang zwischen Kompetenzen und der täglichen Mediennutzung der SchülerInnen feststellen, wenn man die Dauer des Handy- oder Social-Media-Gebrauchs weder misst noch überprüft.
Es wird Zeit, dass dieser Zusammenhang endlich erforscht wird - immerhin sind die Mediennutzungszeiten der jetzt getesteten 15-Jährigen in den letzten Jahren geradezu explodiert. Keine Generation hat sich bislang länger digitalen Plattformen wie TikTok, Grand Theft Auto VI, Fortnite usw. ausgesetzt. Kultusministerin Schopper hat daher Bildungsforscherin und IQB-Chefin Petra Stanat ins Kabinett eingeladen, um die schlechten IQB-Noten zu erklären. Die grüne Leiterin des Bildungsministeriums versprach, durch eine stärker evidenzbasierte Beobachtung der Schüler die Problemzonen künftig genauer beschreiben zu können.
Corona-Daten nicht näher untersucht
Allerdings muss sich Baden-Württemberg beim Monitoring der Schülerleistungen in Echtzeit noch deutlich anstrengen. Beispiel Corona: Die Pandemie wird fast wie ein Joker gezogen, um pauschal sinkende Schülerleistungen zu erklären. Dabei bräuchte man gar nicht spekulieren, sondern gerade Baden-Württembergs Ministerin Theresa Schopper könnte ganz genau Auskunft geben. Denn sie hat mitten in der Pandemie alle ihre AchtklässlerInnen testen lassen. Dabei wurden hochinteressante Ergebnisse ermittelt: ein Teil der Schüler profitierte von Fernlernen und Absenz im Klassenzimmer. Die Spitzengruppe in Deutsch, Englisch und Mathematik wuchs mitten in Corona nach Monate langem Schulausfall. In Deutsch zum Beispiel um mehr als 30 Prozent. Das geht aus den Schaubildern des „Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg“ hervor. Nur gingen die Forscher dem Corona-Paradox damals nicht auf die Spur. Sie erklärten den Test-Zyklus aus dem September 2021 kurzerhand für ungültig. Sieht so evidenzbasierte Schulentwicklung aus?
Weitere Informationen
Der gesamte IQB-Bildungstrend steht mit zahlreichen Einzelgrafiken zum Download bereit:
kurzlinks.de/iqb
Zum Autor
Christian Füller ist Bildungsjournalist, der auf Digitales Lernen, Künstliche Intelligenz und Kindermedienschutz spezialisiert ist. Er hat Bücher über schlechte, gute sowie private Schulen geschrieben – und den Missbrauch an der Odenwaldschule. Der Politologe lebt mit seiner Familie in Berlin, von wo aus er regelmäßig in namhaften deutschen Zeitungen publiziert oder für verschiedene Radio- und Fernsehsender einordnend kommentiert.
