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Möglichkeiten der Prävention und Intervention im Land
Ein Beitrag von Sandra Fuchs
Psychologin und Lektorin
Der letzte Beitrag der Artikelserie „Gesundheitsförderung als Teil des Bildungsplans“ erörtert Möglichkeiten der Prävention und Intervention in Baden-Württemberg.
Im Fokus des fünften Artikels stehen – nach einem Resümee der vorherigen vier Artikel – die folgenden Fragen:
- An wen können sich die Beteiligten der Lernumwelt wenden, wenn sie Interventions- oder Präventionsbedarf haben?
- Gibt es spezifische Angebote für Lehrende, Schülerinnen und Schüler sowie deren Erziehungsberechtigte?
- Wird das Bundesland Baden-Württemberg mit seinem landesspezifischen Rahmenkonzept „stark.stärker.WIR.“ der curricularen Leitperspektive „Prävention und Gesundheitsförderung“ gerecht?
Resümee der Artikel 1 bis Artikel 4
Health Literacy, Prävention und Gesundheitsförderung
Sie haben erfahren, dass das Thema Gesundheit in modernen Gesellschaften eine zentrale Rolle einnimmt1 und Individuen mittels „Health Literacy“2 Verantwortung für die eigene, aber auch die Gesundheit anderer Menschen übernehmen können3. In den gegenwärtigen Bildungsplänen des Bundeslandes Baden-Württemberg ist als eine Leitperspektive „Prävention und Gesundheitsförderung“ verankert4. In diesem Sinne verfolgt das landeseigene und präventiv orientierte Rahmenkonzept „stark.stärker.WIR.“ das Ziel, durch nachhaltige Begleitung im Entwicklungsprozess Schülerinnen und Schüler nachhaltig in ihren Lebenskompetenzen und Schutzfaktoren zu fördern5.
Besorgniserregende Gesundheitszustände bei allen Schulbeteiligten, aber Offenheit gegenüber Unterstützungsangeboten
Es zeigten sich anhand der Studien „Deutsches Schulbarometer“6,7 besorgniserregende tatsächliche Gesundheitszustände sowohl bei Lehrkräften als auch bei Schülerinnen und Schülern in Deutschland. Der Schulstress der Kinder und Jugendlichen wiederum belastet deren Eltern/Erziehungsberechtigte: Nicht nur der Gesundheitszustand der Eltern verschlechterte sich in den vergangenen Jahren, sondern es fehlte oft an Wissen um Hilfsangebote oder an zeitnah verfügbarer außerschulischer Unterstützung7,8,9. Die Studien „Deutsches Schulbarometer“6,7 verdeutlichen aber auch eine deutliche Offenheit und große Bereitschaft aller Akteure im Kontext Schule, Unterstützungsangebote anzunehmen und zusammenzuarbeiten.
Anlaufstellen für Ratsuchende in Baden-Württemberg
Eine Auflistung aller länderübergreifenden und länderspezifischen präventiven und intervenierenden Maßnahmen für die einzelnen Schulbeteiligten würde aufgrund der Fülle an Programmen und Trainings den Rahmen dieses Artikels sprengen. Es erfolgt daher anknüpfend an die curriculare Leitperspektive „Prävention und Gesundheitsförderung“4 eine Beschränkung auf die in Baden-Württemberg angebotenen Präventionskonzepte.
Allgemeine Anlaufstellen
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es generell immer möglich ist, sich spezifischen Rat zu außerschulischen Angeboten beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) unter kurzlinks.de/biog einzuholen. Auch Krankenkassen, Gesundheitsämter und Beratungsstellen helfen gern bei Fragen weiter.
Kontaktbüro Prävention
Das Land Baden-Württemberg hat das Kontaktbüro Prävention eingerichtet, das Arbeitsmaterialien für die Prävention und Gesundheitsförderung bereitstellt, die Leitperspektive landesweit zu koordinieren und ggf. landerbergreifend zu vernetzen. Die Ansprechpartnerin im ZSL ist Frau Tonja Brinks10.
„Roter Faden Prävention“
Der im Internet gratis zum Download bereitgestellte „Rote Faden Prävention“ führt 90 Programme, Medienbausteine und Projekte zur Gewalt- und Suchtprävention sowie zu Lebenskompetenzen und Gesundheitsförderung auf11. Die Gliederung im „Roten Faden“ folgt den Alters- bzw. Klassenstufen der Kinder und Jugendlichen. Weiterhin finden sich Informationen und Kontaktadressen zu Unterstützungssystemen bzw. Anlaufstellen, zu außerschulischen Kooperationspartnern und eine Sammlung hilfreicher Internetlinks zu verschiedenen Präventionsthemen und Problembereichen. Auch Tipps für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus kommen nicht zu kurz12, 13.
„Schulpsychologische Dienste“ und Angebote für Lehrkräfte
Sowohl Lehrkräfte und Schulleitungen als auch Lernende und ihre Erziehungsberechtigten aller Schulformen haben die Möglichkeit, sich von den „Schulpsychologischen Diensten“ bei Problemen oder Herausforderungen beraten zu lassen. Die Beratung erfolgt kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht. Zu erreichen sind die „Schulpsychologischen Dienste“ über Beratungslehrkräfte, schulpsychologische Beratungsstellen und Schulberater bzw. Schulberaterinnen oder Schulpsychologen und Schulpsychologinnen. Das Kultusministerium Baden-Württembergs hält zudem diverse Angebote der Gesundheitsförderung für Lehrkräfte und Schulleitungen bereit. Die genannten Beratungsmöglichkeiten und Angebote finden Sie über die Startseite des Kultusministeriums unter dem Stichpunkt „Beratung“14.
Wichtige Adressen heraussuchen und notieren
Sie sehen, es gibt eine Vielzahl von Anlaufstellen in Baden-Württemberg für Ratsuchende, die Ihnen jederzeit gern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Beratungsangebote werden gruppenspezifisch ausgewählt. Haben Sie weder Scheu noch Scham, sich bei Schwierigkeiten Unterstützung zu holen! Notieren Sie sich bei Bedarf am besten direkt für Sie passende Adressen/Links und/oder nehmen Sie die Ihnen angebotene Unterstützung wahr, auch bei der Suche nach einem passenden Konzept!
Landeseigenes Präventionskonzept „stark.stärker.WIR.“
Im letzten Abschnitt wird die Frage nach dem Erfolg des landesspezifischen Rahmenpräventionskonzepts „stark.stärker.WIR.“ in den Fokus gerückt. Es wird zum einen das Potenzial des Konzepts dargestellt, zum anderen wird ein Zwischenbericht aus dem Jahr 2015 um Erfolg des Konzepts beleuchtet. Leistet das Konzept tatsächlich einen Beitrag zu einer nachhaltigen Verankerung von Prävention mit dem Ziel der schulischen Gesundheitsförderung?
Das Konzept
Mit dem Ziel einer erfolgreichen schulischen Präventionsarbeit und Gesundheitsförderung sorgt das im Jahr 200911 entwickelte Konzept „stark.stärker.WIR.“ für geeignete Rahmenbedingungen und Strukturen auf drei sozialen Ebenen – individueller Ebene, Klassenebene und Schulebene. Gemäß dem Konzept werden alle Schulakteure und -akteurinnen sowie auch externe Netzwerkpartner in die Prävention einbezogen. Auf individueller Ebene stehen Gewalt- und Suchtprävention sowie die Gesundheitsförderung im Zentrum der schulischen Präventionsarbeit, auf Klassenebene die Lebenskompetenzen. Schulen können die Begleitung von Präventionsbeauftragten bei der Umsetzung von „stark.stärker.WIR.“ in Anspruch nehmen. Die Präventionsbeauftragten unterstützen Schulen bei der Implementierung von Präventionsprogrammen und vermitteln Kontakte zu weiteren schulinternen und -externen Kooperationspartnern. Weiterhin werden Fortbildungen für Lehrkräfte sowie thematische Elternabende angeboten. Die kostenlos im Internet verfügbare Handreichung zu „stark.stärker.WIR.“ gewährt einen umfangreichen Einblick mit Schaubildern in das Rahmenkonzept und die einzelnen Themen der Präventionsarbeit je sozialer Ebene11.
Ziele des Konzepts
Im Einzelnen werden die folgenden Ziele angestrebt:
- „Schule ist ein Raum, in dem die Würde und die Gesundheit jedes Einzelnen geachtet werden.
- Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte fühlen sich sicher; ihre Konfliktlösungskompetenz ist gestärkt.
- Schülerinnen und Schüler verfügen über gute Voraussetzungen zur Lebensbewältigung und -entfaltung.
- Schülerinnen und Schüler sind in ihrer Persönlichkeit und Selbstwirksamkeit gestärkt.
- Präventionsarbeit an Schulen erfolgt nachhaltig, zielgerichtet und systematisch.“11
Erfolg des Konzepts?
Ja, mit Verbesserungspotenzialen!
Positiv festzuhalten sind die breite Akzeptanz des Präventionskonzepts und dass grundsätzlich die Zielsetzungen des Konzepts erreicht werden. Fenzl et al. [2015, S. 3] fassen zusammen:
„Auf Grundlage der vorliegenden Daten kann zusammenfassend festgehalten werden, dass die Umsetzung des Präventionskonzepts stark.stärker.WIR. – entsprechend der intendierten Zielsetzung – einen wesentlichen Beitrag auf dem Weg zur Etablierung einer systematischen, zielgerichteten und nachhaltigen Präventionsarbeit an Schulen leisten kann.“
Die Forschenden betonen aber auch die Problematik fehlender Ressourcen, die zu nur einer teilweisen Umsetzung des Programms führen, obwohl gerade die Rahmenbedingungen der entscheidende Erfolgsfaktor von „stark.stärker.WIR,“ sind15. So zeigte eine Optimierung des Rahmenkonzepts positive Auswirkungen auf das Klassenklima, das Gefühl sozialer Verbundenheit und eine Reduktion von Gewalt16.
Was Sie tun können
Eltern, Lernende und Lehrende können nur wenig an den mangelnden Ressourcen ändern, und die Entwicklung geeigneter Wirkmodelle obliegt Forschenden. Aber diese Artikelserie und Sie als Leserinnen und Leser können den Bekanntheitsgrad von „stark.stärker.WIR.“ erhöhen, für den der Zwischenbericht noch Luft nach oben sah15.
Fazit
Eine gemeinsame Grundhaltung aller Beteiligten ist Basis für eine starke Schulgemeinschaft. Das Kultusministerium von Baden-Württemberg sagt15:
„Gemeinsam gelingt stark.stärker.WIR.“
Zur Autorin
Sandra Fuchs hat sich während des Masterstudiums als freie Lektorin, (Ko-)Autorin und Schreibberaterin selbstständig gemacht. Das Fach Bildungspsychologie sowie Fortbildungen in beispielsweise gewaltfreier Kommunikation oder Beratung in der Sozialen Arbeit haben die Psychologin unter anderem für das weite Feld der Gesundheit im Bildungskontext begeistert.
Literatur
- Kickbusch, I. & Hartung, S. (2015). Die Gesundheitsgesellschaft. Konzepte für eine gesundheitsförderliche Politik (2., vollst. überarb. Aufl.). Huber. Abgerufen am 07.11.2024
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- Paulus, P. & Dadaczynski, K. (2024). Gesundheitsförderung und Schule. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Abgerufen am 06.11.2024
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- Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2013). Roter Faden Prävention. Projekte und Programme für Kindertageseinrichtungen und Schulen in Baden-Württemberg. Abgerufen am 18.05.025
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- Land Baden-Württemberg, vertreten durch das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) (o. J.). Präventionsprogramme. Abgerufen am 18.05.2025
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- Fenzl, T., Lemke, S. & Mayring, P. (2015). Zwischenbericht. Evaluation des baden-württembergischen Präventionskonzepts stark.stärker.WIR. Abgerufen am 18.05.2025
- Fenzl, T., Lemke, S. & Mayring, P. (2021). Entwicklung und Erprobung eines Wirkmodells im Rahmen der Evaluation des baden-württembergischen Präventionskonzepts stark.stärker.WIR.
