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pdf Hochbegabten-Dilemma Beliebt

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Wenn es in der Schule nicht klappen will

Ein Beitrag von Susanne Burzel
Autorin

Unser Sohn war 15 Jahre, als er morgens auf der Bettkante saß und sagte: „Ich will ja in die Schule gehen, aber ich kann nicht“. Das war ein Schock für die ganze Familie, denn daraus sollten 2 Jahre Schulabstinenz werden.

Bereits in der Grundschule erhielt unser Sohn eine ADHS-Diagnose. Er zeigte die typischen Symptome: Störung der Impulskontrolle, nonkonformes und teils paradoxes Verhalten und Verweigerungshaltung. Auf der anderen Seite war er sehr clever, wissbegierig, technisch geschickt und erfinderisch. In der Diagnostik wurde eine überdurchschnittliche Begabung festgestellt, der Fokus lag jedoch stets auf der Bewältigung der ADHS. Dass dies möglicherweise eine Fehldiagnose war, erfuhren wir erst Jahre später.

Haben es Hochbegabte einfach in der Schule?

Viele Menschen denken: „Oh, du bist hochbegabt, dann wirst du in der Schule nie Probleme haben“. Das ist leider ein Trugschluss. Ich möchte einige Eigenschaften von Hochbegabten aufzeigen, dank derer sich der Schulbesuch problematisch gestalten kann. Dabei können nicht nur Hochbegabte betroffen sein, sondern auch überdurchschnittlich begabte Kinder.

Eine schnelle Auffassungsgabe sorgt dafür, dass sich diese Kinder im Unterricht schnell langweilen. Sie würden viel lieber zum nächsten Thema wechseln, anstatt zu üben und zu wiederholen. Zudem möchten sie den Themen auf den Grund gehen und die tieferen Zusammenhänge verstehen. Doch dazu bleibt oft keine Zeit, oder die Themen sind dank des Lehrplans thematisch und zeitlich auseinandergerissen. Darüber hinaus entwickeln Hochbegabte oft ungewöhnliche Lösungsansätze. Um diese zu entwickeln, fehlen aber Raum und Zeit. Die Kinder fühlen sich ausgebremst. Daneben gibt es noch weitere Aspekte wie Perfektionismus oder soziale Anpassungsprobleme. Die Kinder spüren oft, dass sie anders sind und fühlen sich nicht zugehörig.

Mit hohem Potenzial ins Underachievement

Die Folge dieser besonderen Merkmale können sein, dass diese Kinder immer mehr die Mitarbeit im Unterricht oder bei den Hausaufgaben verweigern. Ihnen fehlt die Sinnhaftigkeit und sie beginnen zu diskutieren und zu hinterfragen. Sie rutschen in ein Underachievement und werden in der Schule zu Minderleistern. Das bedeutet, es entwickelt sich eine Diskrepanz zwischen ihrem Potenzial und den erbrachten Leistungen.

Neben der Leistungsminderung werden einige Kinder auffällig, beschäftigen sich mit anderen Dingen oder mutieren zum Klassenclown, weil ihnen langweilig ist. Oder sie ziehen sich zurück und werden ganz still. Psychosomatische Beschwerden wie Bauchweh oder Kopfschmerzen lassen sie immer öfter in der Schule fehlen. Oft genug erhalten die Eltern die Empfehlung, die Kinder auf eine ADHS oder eine Autismus Spektrum Störung testen zu lassen. Halten die Kinder es gar nicht mehr aus, kann dies in einer Schulverweigerung münden.

15 % der besonders Begabten haben Probleme in der Schule

Hierzu ein Gedankenbeispiel: Versetzen Sie sich in die Lage, Sie müssten als normalbegabtes Kind eine Förderschule besuchen. Von der 1. Klasse an jeden Tag, jede Woche, jeden Monat. Wie lange würden Sie dort durchhalten, wenn Sie ständig unterfordert sind? Ähnlich dürfen Sie es sich vorstellen, wenn hochbegabte Kinder eine staatliche Schule besuchen, die sich an Normalbegabten orientiert.

Anmerken möchte ich an dieser Stelle, dass nicht alle Hochbegabten Auffälligkeiten zeigen. Es sind ca. 15 % der Hoch- und überdurchschnittlich Begabten, die laut Dipl.-Psych. Thomas Eckerle in ein Underachievement rutschen können. In einer Stadt mit 280.000 Einwohnern betrifft dies ca. 600 Schülerinnen und Schüler.

Fehldiagnose ADHS und Hochbegabung

Unser Sohn gehörte zu den verhaltensauffälligen Kindern in der Grundschule, später nahmen die psychosomatischen Beschwerden zu. Die Lehrkräfte erlebten ihn als Schüler mit zwei Gesichtern: Entweder hochinteressiert und bis in die Tiefe diskutierend oder apathisch dasitzend und den Lernstoff hinterfragend. Die Leistungen ließen immer mehr nach, er wurde zum Underachiever. Doch niemand erkannte dieses Phänomen.
Ein Jahr nach der Schulverweigerung wurde die Hochbegabung bei ihm festgestellt, ein Teilwert kratzte an der Höchstbegabung. Unser Sohn war 17, als eine erneute Untersuchung bei einem Kinder- und Jugendpsychologen ergab, dass er keine Auffälligkeiten für ADHS zeige, sondern die Symptome aus seinem heterogenen Begabungsprofil resultieren würden

Wir sind bis heute unsicher, ob die ADHS eine Fehldiagnose war. Daher möchte ich dafür sensibilisieren, genau hinzuschauen. Besteht der Verdacht auf eine besondere Begabung, sollte diese zunächst abgeklärt werden, z. B. in einer Begabungsdiagnostik. Auch hochbegabte Kinder müssen entsprechend ihrer Potenziale gefördert werden, damit wir sie im Schulsystem nicht verlieren.

Zur Autorin
In den letzten 20 Jahren beschäftigte Susanne Burzel sich intensiv mit Hochbegabung, Hochsensibilität, Fehl- und Doppeldiagnosen sowie den Grenzen im staatlichen Schulsystem. Mit großer Kraftanstrengung überwand sie zahlreiche Hürden und schaffte es, neue Wege zu finden, um ihren Kindern einen guten Start in ein eigenverantwortliches Leben zu ermöglichen. Sie möchte Eltern Mut machen und Verantwortlichen den Blick öffnen für die besonderen Herausforderungen mit hochbegabten Kindern, die nicht in das Schulsystem zu passen scheinen. www.susanneburzel.de