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pdf Lernen im Gleichschritt Beliebt

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Gedanken zur Vergleichbarkeit – ein Plädoyer

Ein Beitrag von Matthias Zeitler
Lehrer an einer Werkrealschule

Erinnern wir uns doch mal kurz zurück als unsere Kinder alle noch Babys waren. Klein, süß und kann noch nicht viel. Noch! Dann fangen sie an zu krabbeln und den Fußboden als Robben zu wischen – praktisch. Das machen die einen ziemlich schnell und zu den anderen sagen wir „Ach, das wird schon noch.“ Irgendwann beginnen sie zu laufen, aber auch nicht alle gleichzeitig im selben Alter. Hier sagen wir „Das kommt schon noch.“ Auch das Radfahren erlernt jeder andersschnell. Wir denken uns auch folgerichtig „Jeder in seinem Tempo“.

„Gleichschritt, Marsch“ bringt einige zum Stolpern

Diese Haltung ändert sich radikal, wenn die Kinder in der Grundschule sind. Warum? Weil wir Leistungsdruck erzeugen. Jetzt soll jeder im gleichen Tempo im Gleichschritt Marsch lernen. Aus den „Ach, das wird schon noch. Das kommt schon noch. Jeder in seinem Tempo.“-Kindern werden Leistungserbringer. Bitte aber in derselben Lerngeschwindigkeit, wie die anderen. Mit dem Ziel, dass alle die Klassenarbeit am selben Tag schreiben, nur um abzuprüfen, ob das Kind auch wirklich den ganzen Stoff in der gleichen Zeit intus hat, wie alle anderen. Ich vermeide hier explizit das Wort lernen. Denn echtes prozessorientiertes Lernen wird in der Klassenarbeit nicht gewollt und nicht geprüft. Und wenn das Kind es nicht verstanden hat und die Note in der Arbeit dementsprechend ist? Was wenn das Kind krank war und zu Hause den Stoff aufgrund des Fiebers nicht mitmachen und nachholen konnte, denn währenddessen geht es in der Klasse ja knallhart weiter? Pädagogisch sinnvoll wäre jetzt zu sagen, man ermöglicht es dem Kind Dinge nachzuholen. Stattdessen wird aber so getan, als wäre es die Pflicht des Schülers damit nun allein klarzukommen. Denn hier im Klassenzimmer muss im Gleichschritt weitergemacht werden. Wie, achso? Damit der Schüler, der es nicht verstanden hat, weitermachen kann, müsste er den vorherigen Stoff ja verstehen … Bitte kümmere dich doch um Nachhilfe!

Eltern als zusätzliche Antreiber?

Nun kommen die Eltern ins Spiel. Sie vergleichen nicht nur die Schülerinnen und Schüler in der Klasse, sie fragen die Lehrkraft, warum die Klasse a denn noch nicht genauso weit im Stoff ist, wie die Klasse b. Als hätte das irgendeine Aussagekraft über das tatsächliche Lernen. Vielleicht gab es einfach mehr soziale Probleme zu lösen, vielleicht gab es eine Klassenaktion oder die Lehrkraft war krank.

Unsicherheit trotz gutem Bauchgefühl

Als mich eine Lehrkraft fragte, ob sie eine Klassenarbeit in Mathe versschieben könne, weil sie krank sei und noch etwas erklären wolle, fragte ich sie, was dagegensprechen sollte. Sie erwiderte, dass die Parallelklasse schließlich auch an dem Tag schreibt. Ich fragte wieder, was denn passieren würde, wenn das einmal nicht der Fall wäre. Kommt das Schulamt? Übermittelt der Briefträger eine Dienstaufsichtsbeschwerde? Was um alles in der Welt passiert dann? Nichts, genau! Es passiert, dass eine Klasse nochmal die Gelegenheit bekommt von ihrer Lehrkraft eine auf die Klasse ausgerichtete Übungsstunde zu bekommen, um dann ohne Stress und Druck die Arbeit schreiben zu können, die ja eh nur aussagt, was das jeweilige Kind an dem Tag im Stande war zu leisten. Sie sagt nicht aus, wie der Lernprozess des Kindes war, um den es ja auch eigentlich gehen sollte.

Schulmüdigkeit durch Vergleich und Druck

Schauen wir doch mal, warum dieses gleichschrittige Lernen nicht so einfach verlassen werden kann. Zum einen gaukelt uns der Bildungsplan ja vor, dass es sinnvoll ist, dass jede zu einer bestimmten Zeit in einer vorgegebenen Jahrgangsstufe festgelegte Lernziele erreicht haben soll. Wenn er das nicht hat, muss er die Klasse wiederholen. Ein offeneres Lernsetting würde es zwar ermöglichen, verpasste Lerninhalte aufzuholen, wenn man dazu auch das entsprechende Personal und kleinere Klassen hätte. Haben wir aber nicht, also muss das Kind das Level wiederholen. Zum anderen bekommen Lehrkräfte genau dieses gleichschrittige Lernen beigebracht. In den Vorführungs-Zirkus-Stunden wird im Vorfeld festgelegt, welches Stundenziel erreicht werden soll. Referendare sollen sogar erahnen und verschriftlichen welche Schülerantworten auf die Lehrerimpuls kommen. Diese sollten dann bitte auch bestenfalls kommen. Lehrkräfte werden zu vermeintlichen Hellsehern ausgebildet, die einen Unterrichtsverlauf vorhersehen sollen, der nicht in Gänze vorhersehbar ist. Vielleicht ist bei einem Kind der Hamster verstorben, beim nächsten die Mama im Krankenhaus, die Dritte hat sich auf dem Schulweg verletzt. Die Stunde kann und darf gar nicht mehr im Gleichschritt wie geplant verlaufen.

Vom selbstbestimmten Lernen zum Leistungs-Korsett

Spätestens in der vierten Klasse wird dann aus dem Kind, das noch in seinem Tempo mit oder ohne Stützräder Radfahren lernen durfte, ein Kind, das unbedingt aufs Gymnasium muss. Wieso gehen denn da manchen nicht hin?
Weil sie eben für Lernfortschritte etwas länger brauchen, weil sie noch nicht so weit sind. Das bedeutet nicht, dass es das nie erreichen kann. Und selbst wenn nicht, … Jeder in seinem Tempo. Warum gilt das nicht für die gesamte Laufbahn des Lernens. Das Schulsystem schafft eine künstliche Vergleichbarkeit von Individuen, die nicht vergleichbar sind. Schon allein, weil die sozialen Hintergründe nicht vergleichbar sind.

Mehr Individualität im Schulsystem – ein Wunschtraum?

In der Werkrealschule kommt es dann zu der Situation, dass wir Schülerinnen und Schüler in der 5. Klasse empfangen, die durch diesen Vergleich schulmüde geworden sind. Nach jahrelanger Aufbauarbeit und nachdem die pubertäre Hormonsuppe etwas heruntergekocht ist, können wir vielleicht in Klasse 8 oder 9 daran denken etwas selbstständiger und freier zu arbeiten. Vorher waren sie mit Freiheit überfordert, wussten nicht, was sie jetzt tun sollten. In den Abschlussklassen kann ich plötzlich nach Inputphasen den Gleichschritt etwas verlassen. Eine Klasse arbeitet in derselben Stunde an unterschiedlichen Dingen. Die Lernenden dürfen frei wählen, auf was sie gerade am meisten Lust haben. Beispielsweise wird an einer Englischpräsentation gefeilt, in einem Arbeitsheft für Gemeinschaftskunde über den Bundestag gelernt, Matheaufgaben geübt, in der Lektüre gelesen oder Gedichte analysiert. Natürlich gibt es Vorgaben und Regeln, es gibt sogar einen Zeitplan. Aber nicht jeder muss in derselben Stunde das Gleiche tun. Es ist nicht die komplette Freiheit, aber es ist freier. Selbstverständlich funktioniert das auch nicht direkt beim ersten Mal. Schließlich sind alle anderes Lernen gewohnt. Aber warum sollten wir es nicht weiter und sogar früher versuchen, damit es flächendeckend so sein kann? Und zwar dort, wo wir Schülerinnen und Schüler auf Lernprozesse konditionieren: In der Grundschule.

Das Schöne ist, es gibt Schulen, die das schon machen und es gibt sogar ganz verrückte Sekundarschulen, die das Fortführen. Das Problem ist, dass nicht jede Schulart und nicht jede Schule eine Schulart das gleichermaßen leisten kann. Denn jede Schule, ja sogar jede Lehrkraft einer Klasse muss ein individuelles pädagogisches Konzept stricken, dass auf die Lerngruppe und deren Größe passt. Gleichzeitig muss mit den räumlichen, technischen und personellen Gegebenheiten jongliert werden. Lernen im Gleichschritt ist auch hier eigentlich nicht möglich, aber oft eine Säule an der sich leicht festhalten lässt, weil sie eine vermeintliche Vergleichbarkeit für Kinder schafft, die eigentlich nicht in Gänze vergleichbar sind.

 

Zur Person
Moderator, Fortbildner und Lehrer: Matthias Zeitler ist alles drei und eigentlich liegen die Professionen ja sehr nah beieinander. Auf Instagram schickt er sich außerdem an, Influencer zu werden, einen Podcast hat er auch und das erste Buch geschrieben. Mit seiner Schwäche für Hüte und Kappen ist er immer leicht zu erkennen und von sich selbst sagt er: „Ich liebe Musik und Livekonzerte. Daher fühle ich mich im Schulsystem und auf der Bühne auch manchmal wie ein Punkrocker.“