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       <title>SiB, Schuljahr 2025/26, Nr 3, Februar 2026 - Landeselternbeirat Baden-Württemberg</title>
       <description><![CDATA[<p class="h6">VIER ARTIKEL ALS LESEBROBE FINDEN SIE WEITER UNTEN. HIER DAS VORWORT ZU DIESER AUSGABE:</p>
<p>Liebe Leserin. lieber Leser,</p>
<p>das Wahljahr hat begonnen. Nicht nur das der LEB-Wahl mit Rekord-Kandidierenden-Zahlen (siehe Heftmitte), sondern auch das der Landtagswahl in Baden-Württemberg.<br />Wer die nächsten 5 Jahre im Landtag und damit in der Villa Reitzenstein das Sagen haben wird, bestimmen wir am 8. März 2026.&nbsp;</p>
<p>Die vergangenen Wochen hatte man das Gefühl, dass Bildung irgendwie nicht stattfindet in diesem Wahlkampf. Kommunalfinanzen und Wirtschaftskrise ließen für Bildung offenbar einfach keinen Platz. Das Problem scheint zu sein: Im Vorfeld der Wahlen appellieren Politikerinnen und Politiker gerne an den Geldbeutel und an gefühlte Ängste und Sorgen des Wahlvolks.&nbsp;Bildung scheint da sperrig und abstrakt.&nbsp;</p>
<p>Doch das ist ein Trugschluss. Pünktlich zum „Internationalen Tag der Bildung“ am 24. Januar veröffentlichte Forsa eine Umfrage zu den Zukunftsängsten der Deutschen. Und siehe da:&nbsp;Entgegen der veröffentlichten debatte sorgt der Zustand des Bildungssystems die Deutschen mit 90% am meisten!&nbsp;Da müsste doch&nbsp;genug Potential drinstecken, um sich zu positionieren als diejenige Partei, die die wichtigste Sorge der Menschen angeht ...?&nbsp;</p>
<p>Zumal es bei Bildung – insbesondere da! – um Zukunft geht. Um die großen Linien, um Langfristigkeit, um Existentielles:<br />Ohne Bildung gibt‘s keine Wirtschaft, ohne Bildung gibt‘s keine Steuern, ohne Bildung gibt es nichts davon, worum aktuell vorrangig gerungen wird.<br />Aus dieser Diskrepanz von öffentlichem Interesse und gesetzten Themen entspringt dann häufig die resignierende Äußerung, Kinder und Jugendliche hätten eben keine Lobby.&nbsp;</p>
<p>Und diese Behauptung kann man leider nicht ganz von der Hand weisen. Beispiel gefällig? Die Mental-Health-Kampagne der Bundesschülerkonferenz (siehe Titelthema) wurde im April gelauncht. Es gab einen Instagram-Kanal, eine Website, Pressemitteilung, das ganze Paket üblicher PR-Aktivitäten. Viel Herzblut und Zeit haben Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland in „Uns geht‘s gut?“ gesteckt und doch war der Widerhall eher verhalten.<br />Es brauchte eine PK im Oktober, bei der neben der Bundesschülerkonferenz auch das Institut der deutschen Wirtschaft saß.&nbsp;Die&nbsp;wirtschaftlichen Auswirkungen der kranken Jugend zündeten schlussendlich und die mentale Gesundheit war plötzlich in der Tagesschau und jeder Zeitung.&nbsp;</p>
<p>Was wir brauchen, ist das Bewusstsein, dass Bildung immer Topthema ist.&nbsp;Bildung ist nicht&nbsp;alles, aber ohne Bildung ist alles nichts!</p>
<p>Kleine Dörfer kämpfen mit Bevölkerungsabwanderung? Bildung hilft, Konzepte gegen die Landflucht und Lösungen für eine nachhaltige Stärkung des ländlichen Raums zu entwickeln. Die Gewerbesteuereinnahmen brechen ein? Bildung hilft, der Wirtschaft neue Impulse für Investitionen in zukünftige Trends zu tätigen. Arbeitsplätze gehen verloren? Bildung hilft, Industrie aufHerausforderungen wie KI und Klimaneutralität auszurichten und umzubauen.&nbsp;</p>
<p>Bildungskonzepte für morgen sind wichtig.&nbsp;<strong>Für unser Land und für unsere Kinder.</strong></p>
<p>Sebastian Kölsch<br />Vorsitzender des 20. Landeselternbeirats</p>
<p>&nbsp;</p>]]></description>
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           <title>SiB, Schuljahr 2025/26, Nr 3, Februar 2026 - Landeselternbeirat Baden-Württemberg</title>
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           <title>Uns geht's gut?</title>
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           <media:title type="plain">Uns geht's gut?</media:title>
           <media:description type="html"><![CDATA[<div class="h2">Schülerinnen und Schüler kämpfen für ihre mentale Gesundheit</div>
<p><span style="font-size: 10pt;">Ein Beitrag von Elliot Belmadani<b><br /></b>Schüler am Gymnasium Vegesack, Bremen</span></p>
<p><b>„Uns geht‘s gut?“ – Diese provozierende Frage stellt die Bundesschülerkonferenz (BSK) seit Mai 2025 an Politik, Medien und Gesellschaft. Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Vielen von uns geht es nicht gut. Und das müssen wir endlich laut aussprechen.</b></p>
<h2 class="h4"><strong>Zahlen sprechen eine klare Sprache</strong></h2>
<p>Jede fünfte Schülerin in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten. 21 Prozent der 8- bis 17-Jährigen kämpfen mit Ängsten, Depressionen oder psychosomatischen Beschwerden. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen leidet unter psychischen Belastungen, ausgelöst durch Einsamkeit, Zukunftsängste und schulischen Druck. Das zeigen aktuelle Studien wie die COPSY-Studie und das Deutsche Schulbarometer 2024.</p>
<p>Besonders alarmierend: Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt 18 Wochen. 18 Wochen, in denen es Betroffenen oft noch schlechter geht. 18 Wochen, in denen Krisen eskalieren können.</p>
<h2 class="h4"><strong>Darum diese Kampagne!</strong></h2>
<p>Die Bundesschülerkonferenz vertritt als demokratisch legitimierte Organisation über 7,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Wir haben diese Kampagne nicht aus theoretischem Interesse gestartet, sondern aus direkter Betroffenheit. Wir erleben täglich, wie Jugendliche unter Leistungsdruck zerbrechen. Wie talentierte junge Menschen aufgeben, weil das System sie überfordert. Wie psychische Erkrankungen bagatellisiert oder tabuisiert werden.</p>
<p>Wir erleben eine Gesellschaft, die junge Menschen vergisst. Die Untätigkeit der Politik und das Desinteresse vieler Erwachsener sind Folgen eines gefährlichen Irrtums: Statt zu fragen, wie es jungen Menschen wirklich geht, wird das Ausbleiben eines großen Aufschreis als Bestätigung verstanden, dass alles in Ordnung sei. Ist es aber nicht.</p>
<h2 class="h4"><strong>Schule: Problem oder Lösung?</strong></h2>
<p>Schulen können und müssen Teil der Lösung sein. Sie erreichen alle Kinder und Jugendlichen und können als stabiler Schutzfaktor wirken, besonders für Heranwachsende aus sozial benachteiligten Familien. Doch aktuell wird diese Schutzfunktion nicht ausreichend erfüllt.</p>
<p>20 Prozent der Schülerinnen und Schüler berichten von geringem schulischem Wohlbefinden. Bei Kindern aus einkommensschwachen Haushalten sind es sogar 30 Prozent. Die Unterstützung durch Lehrkräfte ist dabei entscheidend: Schülerinnen, die sich emotional und kognitiv unterstützt fühlen, zeigen ein deutlich höheres Wohlbefinden.</p>
<h2 class="h4"><strong>Barrieren: Scham &amp; Stigmatisierung</strong></h2>
<p>51 Prozent der Jugendlichen möchten nicht, dass ihr Umfeld von ihrer Inanspruchnahme von Hilfsangeboten erfährt. 28 Prozent befürchten, dass Lehrkräfte sie nach Bekanntwerden ihrer psychischen Probleme anders behandeln. 36 Prozent empfinden es als unangenehm, über emotionale Probleme zu sprechen – bei psychisch auffälligen Heranwachsenden sind es sogar 61 Prozent.</p>
<p>Diese Zahlen zeigen: Scham und Angst vor Stigmatisierung sind zentrale Barrieren. Deshalb brauchen wir nicht nur mehr Fachkräfte, sondern auch eine Kultur der Offenheit und Entstigmatisierung.</p>
<h2 class="h4"><strong>Kampagnenaktionen</strong></h2>
<p>Von Mai 2025 bis Ende 2026 setzen wir auf vielfältige Formate: Schulaktionen bundesweit, digitale Videoreihen, Social-Media-Kampagnen und persönliche Geschichten. Der Höhepunkt war unser dreitägiger Bildungskongress im Januar 2026 in Berlin mit 200 Teilnehmenden, bei dem Schülerinnen und Schüler, Fachkräfte aus Therapie und Beratung, Lehrkräfte und die Bildungspolitik gemeinsam konkrete Lösungen entwickelt haben.</p>
<h2 class="h4"><strong>Eltern als Verbündete</strong></h2>
<p>Diese Kampagne richtet sich nicht gegen Erwachsene, sondern lädt sie ein, Verbündete zu werden. Eltern kennen die Belastungen ihrer Kinder aus nächster Nähe. Ein Viertel der Eltern, die schulische Hilfe suchten, erhielt keine Unterstützung. Ein weiteres Viertel konnte keine Unterstützung organisieren oder suchte diese gar nicht erst.</p>
<p>Gemeinsam können wir mehr erreichen. Elternvertretungen wie der Landeselternbeirat Baden-Württemberg sind wichtige Partner, um Druck auf die Politik auszuüben und strukturelle Veränderungen einzufordern.</p>
<h2 class="h4"><strong>Was jetzt passieren muss</strong></h2>
<p>Individuelle Therapie greift zu kurz, wenn Schule fortlaufend neue Belastungen erzeugt. Notwendig sind strukturelle Reformen: kleinere Klassen, bessere Ausstattung mit Fachkräften und eine kritische Überprüfung und Anpassung der schulischen Leistungsbewertung, um Belastungen für Kinder und Jugendliche zu reduzieren.</p>
<p>Die geforderte Ausstattung mit Fachkräften ist ambitioniert – bei 7,5 Millionen Lerndenden würde sie etwa 25.000 Fachkräfte der Schulpsychologie und 50.000 Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter erfordern. Aber ist das wirklich zu viel verlangt, wenn es um die Gesundheit einer ganzen Generation geht?</p>
<h2 class="h4"><strong>Unser Appell</strong></h2>
<p>„UNS GEHTS NICHT GUT – aber wir kämpfen für Besserung!“ – Das ist unsere Botschaft. Wir ergreifen selbst das Wort, benennen Probleme und entwickeln konkrete Lösungen. Doch wir können das nicht allein schaffen.</p>
<ul>
<li>Wir brauchen Eltern, die mit uns für bessere Bedingungen kämpfen.&nbsp;</li>
<li>Wir brauchen Lehrkräfte, die uns als Partnerinnen und Partner sehen.&nbsp;</li>
<li>Wir brauchen eine Politik, die endlich handelt, statt nur zu reden.&nbsp;</li>
<li>Und wir brauchen eine Gesellschaft, die junge Menschen ernst nimmt.</li>
</ul>
<p>Die Frage „Uns geht‘s gut?“ erfordert eine ehrliche Antwort. Und die ehrliche Antwort ist:&nbsp;<br />Noch nicht. Aber gemeinsam können wir das ändern.</p>
<p class="alert-info" style="padding: 20px;"><b>Die vier Säulen der Kampagne:<br /></b><br />Die Forderungen gliedern sich in vier zentrale Bereiche:<br /><strong>1. Psychische Belastungen im Schulalltag reduzieren</strong><br />Klausurenstress, übervolle Stundenpläne, Leistungsdruck in viel zu großen Klassen – der Schulalltag ist für viele eine Dauerbelastung. Wir fordern einen Paradigmenwechsel: Weg von reiner Leistungsorientierung hin zu einer pädagogischen Haltung, die schulisches „Scheitern“ als Teil des Lernprozesses anerkennt. Schulen brauchen Entlastungsstrukturen, Rückzugsräume und einen toleranten Umgang mit unterschiedlichen Leistungsniveaus.<br /><strong>2. Professionelle Unterstützungsstrukturen massiv ausbauen</strong><br />Wir fordern einen Schlüssel von 1 : 300 bei der Schupsychologie und 1 : 150 bei der Schulsozialarbeit. Mental-Health-Coaches nach dem Modell des Bundesfamilienministeriums sollen flächendeckend eingeführt werden. Diese multiprofessionellen Teams müssen strukturell abgesichert und gesetzlich verankert werden.<br /><strong>3. Neurodiversität anerkennen und fördern</strong><br />2 bis 6 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben ADHS, etwa 1 Prozent eine Autismus-Spektrum-Störung. Dennoch fehlt es an Verständnis, Fortbildungen und niedrigschwelligen Unterstützungsangeboten. Wir fordern verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte sowie Nachteilsausgleiche bereits bei begründetem Verdacht – nicht erst nach jahrelanger Diagnostik.<br /><strong>4. Diskriminierung bekämpfen</strong><br />Mobbing, Cybermobbing, Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit belasten die psychische Gesundheit massiv. Wir fordern umfassende Präventionsprogramme, regelmäßige Erhebungen und niedrigschwellige Beratungsangebote an jeder Schule.<br /><br /><a href="https://uns-gehts-gut.de" target="_blank" rel="noopener"><b>uns-gehts-gut.de</b></a></p>
<p class="alert-dark" style="padding: 20px;"><b>Zum Autor<br /></b>Elliot Belmadani ist Mitglied des Kernteams der bundesweiten Mental-Health-Kampagne UNS GEHT‘S GUT? und engagiert sich insbesondere in den Bereichen mentale Gesundheit, Bildungsgerechtigkeit, nachhaltige Bildung und Demokratiebildung. Der Schüler aus Bremen macht 2026 sein Abitur und engagiert sich neben seinen Aktivitäten auf Schul-, Bundesland- und Bundesebene in einer Schülerfirma mit Fokus auf digitale Medien, Webentwicklung und kreative Projekte.</p>]]></media:description>
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           <description><![CDATA[<div class="h2">Schülerinnen und Schüler kämpfen für ihre mentale Gesundheit</div>
<p><span style="font-size: 10pt;">Ein Beitrag von Elliot Belmadani<b><br /></b>Schüler am Gymnasium Vegesack, Bremen</span></p>
<p><b>„Uns geht‘s gut?“ – Diese provozierende Frage stellt die Bundesschülerkonferenz (BSK) seit Mai 2025 an Politik, Medien und Gesellschaft. Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Vielen von uns geht es nicht gut. Und das müssen wir endlich laut aussprechen.</b></p>
<h2 class="h4"><strong>Zahlen sprechen eine klare Sprache</strong></h2>
<p>Jede fünfte Schülerin in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten. 21 Prozent der 8- bis 17-Jährigen kämpfen mit Ängsten, Depressionen oder psychosomatischen Beschwerden. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen leidet unter psychischen Belastungen, ausgelöst durch Einsamkeit, Zukunftsängste und schulischen Druck. Das zeigen aktuelle Studien wie die COPSY-Studie und das Deutsche Schulbarometer 2024.</p>
<p>Besonders alarmierend: Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt 18 Wochen. 18 Wochen, in denen es Betroffenen oft noch schlechter geht. 18 Wochen, in denen Krisen eskalieren können.</p>
<h2 class="h4"><strong>Darum diese Kampagne!</strong></h2>
<p>Die Bundesschülerkonferenz vertritt als demokratisch legitimierte Organisation über 7,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Wir haben diese Kampagne nicht aus theoretischem Interesse gestartet, sondern aus direkter Betroffenheit. Wir erleben täglich, wie Jugendliche unter Leistungsdruck zerbrechen. Wie talentierte junge Menschen aufgeben, weil das System sie überfordert. Wie psychische Erkrankungen bagatellisiert oder tabuisiert werden.</p>
<p>Wir erleben eine Gesellschaft, die junge Menschen vergisst. Die Untätigkeit der Politik und das Desinteresse vieler Erwachsener sind Folgen eines gefährlichen Irrtums: Statt zu fragen, wie es jungen Menschen wirklich geht, wird das Ausbleiben eines großen Aufschreis als Bestätigung verstanden, dass alles in Ordnung sei. Ist es aber nicht.</p>
<h2 class="h4"><strong>Schule: Problem oder Lösung?</strong></h2>
<p>Schulen können und müssen Teil der Lösung sein. Sie erreichen alle Kinder und Jugendlichen und können als stabiler Schutzfaktor wirken, besonders für Heranwachsende aus sozial benachteiligten Familien. Doch aktuell wird diese Schutzfunktion nicht ausreichend erfüllt.</p>
<p>20 Prozent der Schülerinnen und Schüler berichten von geringem schulischem Wohlbefinden. Bei Kindern aus einkommensschwachen Haushalten sind es sogar 30 Prozent. Die Unterstützung durch Lehrkräfte ist dabei entscheidend: Schülerinnen, die sich emotional und kognitiv unterstützt fühlen, zeigen ein deutlich höheres Wohlbefinden.</p>
<h2 class="h4"><strong>Barrieren: Scham &amp; Stigmatisierung</strong></h2>
<p>51 Prozent der Jugendlichen möchten nicht, dass ihr Umfeld von ihrer Inanspruchnahme von Hilfsangeboten erfährt. 28 Prozent befürchten, dass Lehrkräfte sie nach Bekanntwerden ihrer psychischen Probleme anders behandeln. 36 Prozent empfinden es als unangenehm, über emotionale Probleme zu sprechen – bei psychisch auffälligen Heranwachsenden sind es sogar 61 Prozent.</p>
<p>Diese Zahlen zeigen: Scham und Angst vor Stigmatisierung sind zentrale Barrieren. Deshalb brauchen wir nicht nur mehr Fachkräfte, sondern auch eine Kultur der Offenheit und Entstigmatisierung.</p>
<h2 class="h4"><strong>Kampagnenaktionen</strong></h2>
<p>Von Mai 2025 bis Ende 2026 setzen wir auf vielfältige Formate: Schulaktionen bundesweit, digitale Videoreihen, Social-Media-Kampagnen und persönliche Geschichten. Der Höhepunkt war unser dreitägiger Bildungskongress im Januar 2026 in Berlin mit 200 Teilnehmenden, bei dem Schülerinnen und Schüler, Fachkräfte aus Therapie und Beratung, Lehrkräfte und die Bildungspolitik gemeinsam konkrete Lösungen entwickelt haben.</p>
<h2 class="h4"><strong>Eltern als Verbündete</strong></h2>
<p>Diese Kampagne richtet sich nicht gegen Erwachsene, sondern lädt sie ein, Verbündete zu werden. Eltern kennen die Belastungen ihrer Kinder aus nächster Nähe. Ein Viertel der Eltern, die schulische Hilfe suchten, erhielt keine Unterstützung. Ein weiteres Viertel konnte keine Unterstützung organisieren oder suchte diese gar nicht erst.</p>
<p>Gemeinsam können wir mehr erreichen. Elternvertretungen wie der Landeselternbeirat Baden-Württemberg sind wichtige Partner, um Druck auf die Politik auszuüben und strukturelle Veränderungen einzufordern.</p>
<h2 class="h4"><strong>Was jetzt passieren muss</strong></h2>
<p>Individuelle Therapie greift zu kurz, wenn Schule fortlaufend neue Belastungen erzeugt. Notwendig sind strukturelle Reformen: kleinere Klassen, bessere Ausstattung mit Fachkräften und eine kritische Überprüfung und Anpassung der schulischen Leistungsbewertung, um Belastungen für Kinder und Jugendliche zu reduzieren.</p>
<p>Die geforderte Ausstattung mit Fachkräften ist ambitioniert – bei 7,5 Millionen Lerndenden würde sie etwa 25.000 Fachkräfte der Schulpsychologie und 50.000 Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter erfordern. Aber ist das wirklich zu viel verlangt, wenn es um die Gesundheit einer ganzen Generation geht?</p>
<h2 class="h4"><strong>Unser Appell</strong></h2>
<p>„UNS GEHTS NICHT GUT – aber wir kämpfen für Besserung!“ – Das ist unsere Botschaft. Wir ergreifen selbst das Wort, benennen Probleme und entwickeln konkrete Lösungen. Doch wir können das nicht allein schaffen.</p>
<ul>
<li>Wir brauchen Eltern, die mit uns für bessere Bedingungen kämpfen.&nbsp;</li>
<li>Wir brauchen Lehrkräfte, die uns als Partnerinnen und Partner sehen.&nbsp;</li>
<li>Wir brauchen eine Politik, die endlich handelt, statt nur zu reden.&nbsp;</li>
<li>Und wir brauchen eine Gesellschaft, die junge Menschen ernst nimmt.</li>
</ul>
<p>Die Frage „Uns geht‘s gut?“ erfordert eine ehrliche Antwort. Und die ehrliche Antwort ist:&nbsp;<br />Noch nicht. Aber gemeinsam können wir das ändern.</p>
<p class="alert-info" style="padding: 20px;"><b>Die vier Säulen der Kampagne:<br /></b><br />Die Forderungen gliedern sich in vier zentrale Bereiche:<br /><strong>1. Psychische Belastungen im Schulalltag reduzieren</strong><br />Klausurenstress, übervolle Stundenpläne, Leistungsdruck in viel zu großen Klassen – der Schulalltag ist für viele eine Dauerbelastung. Wir fordern einen Paradigmenwechsel: Weg von reiner Leistungsorientierung hin zu einer pädagogischen Haltung, die schulisches „Scheitern“ als Teil des Lernprozesses anerkennt. Schulen brauchen Entlastungsstrukturen, Rückzugsräume und einen toleranten Umgang mit unterschiedlichen Leistungsniveaus.<br /><strong>2. Professionelle Unterstützungsstrukturen massiv ausbauen</strong><br />Wir fordern einen Schlüssel von 1 : 300 bei der Schupsychologie und 1 : 150 bei der Schulsozialarbeit. Mental-Health-Coaches nach dem Modell des Bundesfamilienministeriums sollen flächendeckend eingeführt werden. Diese multiprofessionellen Teams müssen strukturell abgesichert und gesetzlich verankert werden.<br /><strong>3. Neurodiversität anerkennen und fördern</strong><br />2 bis 6 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben ADHS, etwa 1 Prozent eine Autismus-Spektrum-Störung. Dennoch fehlt es an Verständnis, Fortbildungen und niedrigschwelligen Unterstützungsangeboten. Wir fordern verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte sowie Nachteilsausgleiche bereits bei begründetem Verdacht – nicht erst nach jahrelanger Diagnostik.<br /><strong>4. Diskriminierung bekämpfen</strong><br />Mobbing, Cybermobbing, Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit belasten die psychische Gesundheit massiv. Wir fordern umfassende Präventionsprogramme, regelmäßige Erhebungen und niedrigschwellige Beratungsangebote an jeder Schule.<br /><br /><a href="https://uns-gehts-gut.de" target="_blank" rel="noopener"><b>uns-gehts-gut.de</b></a></p>
<p class="alert-dark" style="padding: 20px;"><b>Zum Autor<br /></b>Elliot Belmadani ist Mitglied des Kernteams der bundesweiten Mental-Health-Kampagne UNS GEHT‘S GUT? und engagiert sich insbesondere in den Bereichen mentale Gesundheit, Bildungsgerechtigkeit, nachhaltige Bildung und Demokratiebildung. Der Schüler aus Bremen macht 2026 sein Abitur und engagiert sich neben seinen Aktivitäten auf Schul-, Bundesland- und Bundesebene in einer Schülerfirma mit Fokus auf digitale Medien, Webentwicklung und kreative Projekte.</p>]]></description>
           <author>vorsitz@leb-bw.de (Sebastian Kölsch)</author>
           <category>SiB, Schuljahr 2025/26, Nr 3, Februar 2026</category>
           <pubDate>Fri, 13 Feb 2026 00:19:07 +0100</pubDate>
       </item>
              <item>
           <title>Wenn Schule stresst</title>
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           <media:title type="plain">Wenn Schule stresst</media:title>
           <media:description type="html"><![CDATA[<p><span style="font-size: 10pt;">Ein Beitrag von Matthias Zeitler<b><br /></b>Lehrer an einer Werkrealschule</span></p>
<h2 class="h4"></h2>
<p><b>Leistungsdruck, Vergleiche unter Schülern und gesellschaftliche Erwartungen an Kinder und Jugendliche belasten so sehr, dass jeder fünfte Heranwachsende psychische Auffälligkeiten zeigt. Diese werden durch Schule verstärkt oder sogar hervorgerufen.</b></p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Stress statt persönlicher Entwicklung</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Dabei sollte Schule ein Ort des Lernens, der Neugier und der persönlichen Entwicklung sein. Ein Safe Space, an dem sich Kinder und Jugendliche wohl fühlen. Für viele ist sie jedoch vor allem ein Ort von Stress, Angst und Überforderung. Prüfungsangst, Schlafstörungen oder psychosomatische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen oder schlimmere psychische Symptome gehören für viele Schülerinnen und Schüler längst zum Alltag. Um die psychische Gesundheit junger Menschen steht es nicht gut. Und wenn sie thematisiert wird, wird sie mit Sätzen abgetan wie „Willkommen im echten Leben …“, „Wir mussten auch …“ – Kinder und Jugendliche werden mit ihren Sorgen und Problemen oft nicht ernst genommen. Adultismus lässt grüßen.</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Leistung vs. Langzeitschäden</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Druck entsteht wie in einer Presse. Stellen wir uns eine Apfelpresse vor, die von oben, unten und von der Seite presst. Natürlich kommt herrlicher Saft heraus. Zurück bleiben Matsch und Schalenreste. Wenn man Schülerinnen und Schüler ansieht, nimmt man manchmal eine Körperhaltung wahr, die genau das suggeriert. Von allen Seiten wird gepresst. Selbstverständlich kommt dabei ein Resultat heraus. Doch es bleibt eine leere, angematschte Hülle. Kinder und Jugendliche stehen im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen, die sie oft wie eine unsichtbare Presse einengen.<br />Unsere Gesellschaft versteht sich als Leistungsgesellschaft. Erfolg wird früh über Noten, Abschlüsse und Zertifikate definiert. Dieses Denken beginnt nicht erst im Jugendalter, sondern bereits in der Grundschule. Kinder lernen schnell: Leistung entscheidet über Anerkennung, Zugehörigkeit und Zukunftschancen. Natürlich kann das funktionieren, in 20% der Fälle wird es zur dauerhaften Belastung. Natürlich geht es nicht darum, keine Leistung mehr zeigen zu müssen oder gar keine Belastungen mehr aushalten zu müssen. Wenn aber derart viele Heranwachsende psychische Probleme haben, dürfen wir uns fragen, ob der Weg Leistung einzufordern noch der richtige ist.</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Definieren wir Erfolg noch richtig?</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Der schulische Alltag ist geprägt von Vergleich, Bewertung und Zeitdruck. Klassenarbeiten, Tests, Hausaufgaben und Zeugnisse strukturieren das Lernen – oft ohne Rücksicht auf individuelle Voraussetzungen, Lerntempo oder Lebenssituationen. Lernen wird nicht als Prozess gesehen, sondern als ständiges Beweisen-Müssen von dem, was man im Gleichschritt gelernt hat. Besonders problematisch ist, dass Fehler in diesem System selten als Lernchance verstanden werden, sondern als Mangel.<br />Die Folgen dieses Dauerstresses sind deutlich sichtbar. Immer mehr Kinder zeigen Angstreaktionen, Rückzug, Erschöpfung oder depressive Symptome. Prüfungsangst führt nicht selten dazu, dass vorhandenes Wissen in Leistungssituationen nicht mehr abrufbar ist. Manche Schülerinnen und Schüler entwickeln ein dauerhaft negatives Selbstbild: „Ich bin nicht gut genug.“ Schule wird damit zu einem Ort, an dem sich psychische Belastungen bündeln. Lehrkräfte berichten zunehmend von Panikattacken vor Klassenarbeiten, von Schülerinnen und Schülern, die weinen, zittern oder sich krankmelden, um dem Druck zu entkommen.&nbsp;</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Nicht nur Schule allein sollte überdacht werden</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Schule ist aber nicht der einzige Belastungsfaktor. Gesellschaftliche Erwartungen, soziale Medien und familiäre Hoffnungen verstärken den Druck zusätzlich. Kinder und Jugendliche sollen leistungsstark, belastbar, sozial kompetent und zugleich glücklich sein – in einer Welt, die von Krisen, Unsicherheit und Zukunftsängsten geprägt ist.<br />Soziale Medien verschärfen den Vergleich: Nicht nur die Freundinnen und Freunde dienen als Vergleich, sondern auch scheinbar perfekte Vorbilder im Netz. Likes, Views und Follower werden zum neuen Maßstab. Auch familiäre Erwartungen spielen eine wichtige Rolle. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder – und geben dabei oft unbewusst Druck weiter. Aussagen über „gute Berufe“, „sichere Zukunft“ oder bestimmte Schulabschlüsse können bei Kindern das Gefühl erzeugen, für das Glück und die Anerkennung ihrer Eltern verantwortlich zu sein. Leistung wird dann nicht mehr für sich selbst erbracht, sondern aus Angst zu enttäuschen.</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Die Waage halten</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Psychische Gesundheit ist keine Nebensache und muss zu Hause und im Unterricht immer mitgedacht werden. Sie ist eine zentrale Vo​raussetzung für erfolgreiches Lernen. Kinder lernen besser, wenn sie sich sicher, gesehen und unterstützt fühlen. Dauerhafter Stress hingegen blockiert Lernprozesse, mindert Motivation und kann langfristig krank machen. Ein Bildungssystem, das Leistung fordert, ohne die emotionalen und psychischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, produziert noch mehr Bildungsverlierer als wir sowieso schon haben. Wenn jedes fünfte Schulkind psychische Auffälligkeiten zeigt, ist das kein individuelles Problem mehr, sondern ein strukturelles.<br />Es braucht einen Perspektivwechsel: Weg von einer rein leistungsorientierten Schule hin zu einer Schule, die Gesundheit, Beziehung und individuelle Entwicklung ernst nimmt. Noten dürfen nicht länger das alleinige Maß für Bildung sein. Lernprozesse, Fortschritte, Stärken und Anstrengung müssen stärker in den Fokus rücken.</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Zusammen ist man stärker als alleine</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Eltern, Lehrkräfte und Politik tragen gemeinsam Verantwortung. Eltern können Druck reduzieren, indem sie Noten relativieren und ihrem Kind vermitteln, dass Liebe und Anerkennung nicht von Leistung abhängen. Lehrkräfte können durch transparente Anforderungen, wertschätzendes Feedback und angstfreie Lernräume viel bewirken – auch innerhalb bestehender Strukturen.&nbsp;<br />Und die Bildungspolitik muss psychische Gesundheit endlich als festen Bestandteil von Schulentwicklung und in Lehrplänen begreifen. Dazu braucht es auch multiprofessionelle Teams.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="alert-dark" style="padding: 20px;"><b>Zum Autor<br /></b>Moderator, Fortbildner und Lehrer: Matthias Zeitler ist alles drei und eigentlich liegen die Professionen ja sehr nah beieinander. Auf Instagram zählt er zu den Bildungsinfluencern aus dem (Insta-)Lehrerzimmer, einen Podcast hat er auch und das erste Buch ist geschrieben. Mit seiner Schwäche für Hüte und Kappen ist er immer leicht zu erkennen und von sich selbst sagt er: „Ich liebe Musik und Livekonzerte. Daher fühle ich mich im Schulsystem und auf der Bühne auch manchmal wie ein Punkrocker.“</p>]]></media:description>
                      <guid isPermaLink="true">https://leb-bw.de/infos-downloads/schule-im-blickpunkt/schuljahr-2025-26/sib-schuljahr-2025-26-nr-3-februar-2026/1066-wenn-schule-stresst?format=html</guid>
           <description><![CDATA[<p><span style="font-size: 10pt;">Ein Beitrag von Matthias Zeitler<b><br /></b>Lehrer an einer Werkrealschule</span></p>
<h2 class="h4"></h2>
<p><b>Leistungsdruck, Vergleiche unter Schülern und gesellschaftliche Erwartungen an Kinder und Jugendliche belasten so sehr, dass jeder fünfte Heranwachsende psychische Auffälligkeiten zeigt. Diese werden durch Schule verstärkt oder sogar hervorgerufen.</b></p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Stress statt persönlicher Entwicklung</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Dabei sollte Schule ein Ort des Lernens, der Neugier und der persönlichen Entwicklung sein. Ein Safe Space, an dem sich Kinder und Jugendliche wohl fühlen. Für viele ist sie jedoch vor allem ein Ort von Stress, Angst und Überforderung. Prüfungsangst, Schlafstörungen oder psychosomatische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen oder schlimmere psychische Symptome gehören für viele Schülerinnen und Schüler längst zum Alltag. Um die psychische Gesundheit junger Menschen steht es nicht gut. Und wenn sie thematisiert wird, wird sie mit Sätzen abgetan wie „Willkommen im echten Leben …“, „Wir mussten auch …“ – Kinder und Jugendliche werden mit ihren Sorgen und Problemen oft nicht ernst genommen. Adultismus lässt grüßen.</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Leistung vs. Langzeitschäden</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Druck entsteht wie in einer Presse. Stellen wir uns eine Apfelpresse vor, die von oben, unten und von der Seite presst. Natürlich kommt herrlicher Saft heraus. Zurück bleiben Matsch und Schalenreste. Wenn man Schülerinnen und Schüler ansieht, nimmt man manchmal eine Körperhaltung wahr, die genau das suggeriert. Von allen Seiten wird gepresst. Selbstverständlich kommt dabei ein Resultat heraus. Doch es bleibt eine leere, angematschte Hülle. Kinder und Jugendliche stehen im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen, die sie oft wie eine unsichtbare Presse einengen.<br />Unsere Gesellschaft versteht sich als Leistungsgesellschaft. Erfolg wird früh über Noten, Abschlüsse und Zertifikate definiert. Dieses Denken beginnt nicht erst im Jugendalter, sondern bereits in der Grundschule. Kinder lernen schnell: Leistung entscheidet über Anerkennung, Zugehörigkeit und Zukunftschancen. Natürlich kann das funktionieren, in 20% der Fälle wird es zur dauerhaften Belastung. Natürlich geht es nicht darum, keine Leistung mehr zeigen zu müssen oder gar keine Belastungen mehr aushalten zu müssen. Wenn aber derart viele Heranwachsende psychische Probleme haben, dürfen wir uns fragen, ob der Weg Leistung einzufordern noch der richtige ist.</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Definieren wir Erfolg noch richtig?</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Der schulische Alltag ist geprägt von Vergleich, Bewertung und Zeitdruck. Klassenarbeiten, Tests, Hausaufgaben und Zeugnisse strukturieren das Lernen – oft ohne Rücksicht auf individuelle Voraussetzungen, Lerntempo oder Lebenssituationen. Lernen wird nicht als Prozess gesehen, sondern als ständiges Beweisen-Müssen von dem, was man im Gleichschritt gelernt hat. Besonders problematisch ist, dass Fehler in diesem System selten als Lernchance verstanden werden, sondern als Mangel.<br />Die Folgen dieses Dauerstresses sind deutlich sichtbar. Immer mehr Kinder zeigen Angstreaktionen, Rückzug, Erschöpfung oder depressive Symptome. Prüfungsangst führt nicht selten dazu, dass vorhandenes Wissen in Leistungssituationen nicht mehr abrufbar ist. Manche Schülerinnen und Schüler entwickeln ein dauerhaft negatives Selbstbild: „Ich bin nicht gut genug.“ Schule wird damit zu einem Ort, an dem sich psychische Belastungen bündeln. Lehrkräfte berichten zunehmend von Panikattacken vor Klassenarbeiten, von Schülerinnen und Schülern, die weinen, zittern oder sich krankmelden, um dem Druck zu entkommen.&nbsp;</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Nicht nur Schule allein sollte überdacht werden</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Schule ist aber nicht der einzige Belastungsfaktor. Gesellschaftliche Erwartungen, soziale Medien und familiäre Hoffnungen verstärken den Druck zusätzlich. Kinder und Jugendliche sollen leistungsstark, belastbar, sozial kompetent und zugleich glücklich sein – in einer Welt, die von Krisen, Unsicherheit und Zukunftsängsten geprägt ist.<br />Soziale Medien verschärfen den Vergleich: Nicht nur die Freundinnen und Freunde dienen als Vergleich, sondern auch scheinbar perfekte Vorbilder im Netz. Likes, Views und Follower werden zum neuen Maßstab. Auch familiäre Erwartungen spielen eine wichtige Rolle. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder – und geben dabei oft unbewusst Druck weiter. Aussagen über „gute Berufe“, „sichere Zukunft“ oder bestimmte Schulabschlüsse können bei Kindern das Gefühl erzeugen, für das Glück und die Anerkennung ihrer Eltern verantwortlich zu sein. Leistung wird dann nicht mehr für sich selbst erbracht, sondern aus Angst zu enttäuschen.</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Die Waage halten</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Psychische Gesundheit ist keine Nebensache und muss zu Hause und im Unterricht immer mitgedacht werden. Sie ist eine zentrale Vo​raussetzung für erfolgreiches Lernen. Kinder lernen besser, wenn sie sich sicher, gesehen und unterstützt fühlen. Dauerhafter Stress hingegen blockiert Lernprozesse, mindert Motivation und kann langfristig krank machen. Ein Bildungssystem, das Leistung fordert, ohne die emotionalen und psychischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, produziert noch mehr Bildungsverlierer als wir sowieso schon haben. Wenn jedes fünfte Schulkind psychische Auffälligkeiten zeigt, ist das kein individuelles Problem mehr, sondern ein strukturelles.<br />Es braucht einen Perspektivwechsel: Weg von einer rein leistungsorientierten Schule hin zu einer Schule, die Gesundheit, Beziehung und individuelle Entwicklung ernst nimmt. Noten dürfen nicht länger das alleinige Maß für Bildung sein. Lernprozesse, Fortschritte, Stärken und Anstrengung müssen stärker in den Fokus rücken.</p>
<h2 class="h4"></h2>
<h2 class="h4"><strong>Zusammen ist man stärker als alleine</strong></h2>
<h2 class="h4"></h2>
<p>Eltern, Lehrkräfte und Politik tragen gemeinsam Verantwortung. Eltern können Druck reduzieren, indem sie Noten relativieren und ihrem Kind vermitteln, dass Liebe und Anerkennung nicht von Leistung abhängen. Lehrkräfte können durch transparente Anforderungen, wertschätzendes Feedback und angstfreie Lernräume viel bewirken – auch innerhalb bestehender Strukturen.&nbsp;<br />Und die Bildungspolitik muss psychische Gesundheit endlich als festen Bestandteil von Schulentwicklung und in Lehrplänen begreifen. Dazu braucht es auch multiprofessionelle Teams.&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="alert-dark" style="padding: 20px;"><b>Zum Autor<br /></b>Moderator, Fortbildner und Lehrer: Matthias Zeitler ist alles drei und eigentlich liegen die Professionen ja sehr nah beieinander. Auf Instagram zählt er zu den Bildungsinfluencern aus dem (Insta-)Lehrerzimmer, einen Podcast hat er auch und das erste Buch ist geschrieben. Mit seiner Schwäche für Hüte und Kappen ist er immer leicht zu erkennen und von sich selbst sagt er: „Ich liebe Musik und Livekonzerte. Daher fühle ich mich im Schulsystem und auf der Bühne auch manchmal wie ein Punkrocker.“</p>]]></description>
           <author>vorsitz@leb-bw.de (Sebastian Kölsch)</author>
           <category>SiB, Schuljahr 2025/26, Nr 3, Februar 2026</category>
           <pubDate>Fri, 13 Feb 2026 00:17:07 +0100</pubDate>
       </item>
              <item>
           <title>Verlässliche Schutzräume</title>
           <link>https://leb-bw.de/infos-downloads/schule-im-blickpunkt/schuljahr-2025-26/sib-schuljahr-2025-26-nr-3-februar-2026/1067-verlaessliche-schutzraeume?format=html</link>
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           <media:title type="plain">Verlässliche Schutzräume</media:title>
           <media:description type="html"><![CDATA[<div class="h2">Schule als Schutz- und Gestaltungsraum für Kinderschutz</div>
<p><span style="font-size: 10pt;">Ein Beitrag von Jerome Braun<b><br /></b>Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel</span></p>
<p><b>Die Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel beschäftigt sich in der Praxis intensiv mit der Frage, welchen Beitrag Schule für einen gelingenden Schutz von Kindern vor (sexualisierter) Gewalt leisten kann – und leisten muss. Unsere Perspektive ist dabei keine theoretische. Sie speist sich aus der konkreten Zusammenarbeit mit Schulen, Lehrkräften, Schulsozialarbeit, Eltern, Fachberatungsstellen und nicht zuletzt mit Kindern selbst.</b></p>
<p>Schule ist ein zentraler Lebensraum von Kindern. Sie ist Lernort, Sozialraum, Schutzraum – zumindest sollte sie das sein. Gleichzeitig wissen wir aus Studien und aus der Praxis, dass statistisch ein bis zwei Kinder pro Schulklasse sexualisierte Gewalt erleben. Die meisten dieser Taten finden nicht im schulischen Kontext statt, wohl aber wirken sie in den Schulalltag hinein. Betroffene Kinder tragen ihre häufig traumatischen Erfahrungen mit in den Unterricht, auf den Pausenhof, in Beziehungen zu Gleichaltrigen und Lehrkräften. Schule wird damit zwangsläufig zu einem Ort, an dem sexualisierte Gewalt sichtbar werden kann – oder viel zu oft unsichtbar bleibt.</p>
<div class="alert-info" style="padding: 20px;"><b>Was Schule leisten kann – und leisten muss, damit echte Schutzräume entstehen</b>
<ul>
<li>eine klare Haltung gegen jede Form von Gewalt</li>
<li>transparente Zuständigkeiten und Verfahrenswege</li>
<li>altersgerechte Präventionsangebote für Kinder</li>
<li>informierte, handlungssichere Lehrkräfte</li>
<li>eine Einbindung von Eltern und externen Fachstellen</li>
</ul>
</div>
<p>Lehrkräfte sind häufig die ersten Erwachsenen außerhalb der Familie, die Veränderungen im Verhalten eines Kindes wahrnehmen: Rückzug, Leistungsabfall, Aggression, somatische Beschwerden oder auffällige Nähe-Distanz-Probleme. Daraus erwächst eine große Verantwortung. Zugleich erleben wir, dass genau an dieser Stelle erhebliche Unsicherheiten bestehen. Viele Lehrkräfte fragen sich: Darf ich das ansprechen? Was, wenn ich falsch liege? Wen informiere ich? Wie schütze ich das Kind – und mich selbst?</p>
<p>Diese Unsicherheit ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck struktureller Defizite. In Umfragen unter Lehramtsstudierenden und Referendar:innen in Duisburg und Essen wurde deutlich, dass das Thema sexualisierte Gewalt in der Ausbildung kaum eine Rolle spielt. Viele gaben an, zuvor keinerlei praktische Berührungspunkte gehabt zu haben. Dabei erwarten wir von Schulen zu Recht, dass sie Schutzkonzepte entwickeln, Prävention umsetzen und im Ernstfall handlungssicher agieren. Dieser Anspruch kann nur eingelöst werden, wenn Wissen, Haltung und Handlungskompetenz systematisch aufgebaut werden.</p>
<p>Aus genau diesem Grund qualifiziert Hänsel+Gretel seit acht Jahren angehende Lehrkräfte in einer vierstündigen Basisqualifikation durch Fachkräfte aus spezialisierten Beratungsstellen. Mehrere tausend zukünftige Lehrer:innen wurden auf diesem Weg erreicht. Der Effekt ist spürbar: Frühe Sensibilisierung schafft​<br />Sicherheit, senkt Hemmschwellen und stärkt eine professionelle Haltung, die Kinder in den Mittelpunkt stellt.</p>
<p>Doch Ausbildung allein reicht nicht aus. Schule ist ein komplexes System, in dem viele Professionen zusammenwirken. Deshalb haben wir als Konsequenz aus dem großen Wissensdefizit die achttägige Fortbildung FFIPS – Fachkraft für Intervention und Prävention bei sexualisierter Gewalt an Schulen – entwickelt. Sie richtet sich bewusst an alle pädagogischen Mitarbeitenden: Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter:innen, Sonderpädagog:innen, Erzieher:innen im Ganztag. Ziel ist es, die Teilnehmenden handlungskompetent zu machen – nicht nur für den Einzelfall, sondern für die nachhaltige Implementierung von Schutzkonzepten im Schulalltag.</p>
<div class="alert-info" style="padding: 20px;"><b>Die fünf FFIPS-Module</b><ol>
<li>fundiertes Basiswissen</li>
<li>Präventionskompetenz</li>
<li>Handlungssicherheit in der Intervention</li>
<li>Know-how zur Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten</li>
<li>Raum für Reflexion und Prüfung</li>
</ol></div>
<p>In fünf Modulen erwerben die Teilnehmenden fundiertes Fachwissen, lernen Präventionsstrategien kennen, üben Intervention und entwickeln Schutzkonzepte weiter. Besonders wichtig ist uns dabei eines: Schutzkonzepte dürfen keine formalen Dokumente sein, die im Regal verstauben. Sie müssen gelebt werden – im Kollegium, im Unterricht, im Umgang miteinander. Schulen, die diesen Weg gehen, berichten von einer spürbaren Veränderung der Schulkultur.</p>
<p>Ein weiterer zentraler Baustein ist die Prävention mit Kindern selbst. Seit 2011 ist unsere Mitmach-Ausstellung „Echt Klasse!“ im Dauereinsatz. Über 110.000 Kinder an mehr als 450 Schulen wurden erreicht. In sechs interaktiven Stationen lernen Grundschulkinder altersgerecht, spielerisch und angstfrei, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen, zwischen guten, schlechten und komischen Berührungen zu unterscheiden, Nein zu sagen, ihrem Gefühl zu vertrauen und sich Hilfe zu holen. Prävention bedeutet hier nicht Angst zu machen, sondern Kinder stark zu machen.</p>
<p>Entscheidend ist dabei der systemische Ansatz. „Echt Klasse!“ richtet sich nicht nur an Kinder, sondern immer auch an Lehrkräfte und Eltern. Die Schulungen für das Kollegium sind verpflichtend, die Elternabende freiwillig. Genau hier zeigt sich eine der größten Herausforderungen: Die Beteiligung der Eltern ist vielerorts ausbaufähig. Wir erleben alles – von 180 Teilnehmenden bis hin zu drei Personen. Im Durchschnitt kommen etwa 20 Eltern bei einer Schülerschaft von rund 250 Kindern. Dabei sind Eltern die wichtigste Schutzinstanz im Leben eines Kindes.</p>
<div class="alert-info" style="padding: 20px;"><b>Kinder lernen mit Echt Klasse! …</b><ol>
<li>ihren Körper und ihre Grenzen wahrzunehmen</li>
<li>zwischen guten, schlechten und komischen Berührungen zu unterscheiden</li>
<li>Nein zu sagen</li>
<li>ihrem Gefühl zu vertrauen</li>
<li>Hilfe zu holen</li>
</ol></div>
<p>Diese Realität fordert uns heraus, neue Wege zu gehen. In FFIPS-Durchgängen berichten Teilnehmende immer wieder von innovativen Ansätzen: Elternveranstaltungen am Morgen, wenn Kinder zur Schule gebracht werden; kürzere, niedrigschwellige Formate; Kombinationen aus Präsenz und digitalen Angeboten. Solche Beispiele zeigen, dass Beteiligung möglich ist, wenn wir die Lebensrealitäten von Familien ernst nehmen.</p>
<p>Aus unserer Sicht ist klar: Schule kann und muss einen zentralen Beitrag zum Kinderschutz leisten. Sie kann hinschauen, ansprechen, begleiten und vernetzen. Sie stößt jedoch dort an Grenzen, wo Wissen fehlt, Zeit fehlt oder professionelle Unterstützung nicht ausreichend verfügbar ist. Genau hier braucht es Impulse von außen. Die Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel versteht sich als Impulsgeber – als Partner von Schulen und Lehrkräften, die Kinder und Eltern erreichen wollen. Kinderschutz ist keine Zusatzaufgabe, sondern Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrags. Er braucht Kontinuität, Qualifizierung und verlässliche Strukturen. Wenn Schule, Eltern und externe Fachstellen gemeinsam handeln, entstehen Schutzräume, die diesen Namen verdienen. Dafür setzen wir uns ein – jeden Tag, für jedes einzelne Kind.</p>
<p class="alert-dark" style="padding: 20px;"><b>Zum Autor<br /></b>Jerome Braun (52) ist Mitgründer und Geschäftsführer der Deutschen Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel. Die Stiftung schützt und stärkt Kinder vor körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt und entwickelt nachhaltige Strukturen für wirksamen Kinderschutz. Seit 1997 engagiert sie sich bundesweit aus unterschiedlichen Perspektiven des Kinderschutzes und erreicht mit ihren anerkannten Projekten jährlich mehrere zehntausend Kinder, Jugendliche und Eltern. Schulen, Kitas, Einrichtungen sowie pädagogische Fachkräfte profitieren deutschlandweit von dieser Arbeit.</p>]]></media:description>
                      <guid isPermaLink="true">https://leb-bw.de/infos-downloads/schule-im-blickpunkt/schuljahr-2025-26/sib-schuljahr-2025-26-nr-3-februar-2026/1067-verlaessliche-schutzraeume?format=html</guid>
           <description><![CDATA[<div class="h2">Schule als Schutz- und Gestaltungsraum für Kinderschutz</div>
<p><span style="font-size: 10pt;">Ein Beitrag von Jerome Braun<b><br /></b>Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel</span></p>
<p><b>Die Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel beschäftigt sich in der Praxis intensiv mit der Frage, welchen Beitrag Schule für einen gelingenden Schutz von Kindern vor (sexualisierter) Gewalt leisten kann – und leisten muss. Unsere Perspektive ist dabei keine theoretische. Sie speist sich aus der konkreten Zusammenarbeit mit Schulen, Lehrkräften, Schulsozialarbeit, Eltern, Fachberatungsstellen und nicht zuletzt mit Kindern selbst.</b></p>
<p>Schule ist ein zentraler Lebensraum von Kindern. Sie ist Lernort, Sozialraum, Schutzraum – zumindest sollte sie das sein. Gleichzeitig wissen wir aus Studien und aus der Praxis, dass statistisch ein bis zwei Kinder pro Schulklasse sexualisierte Gewalt erleben. Die meisten dieser Taten finden nicht im schulischen Kontext statt, wohl aber wirken sie in den Schulalltag hinein. Betroffene Kinder tragen ihre häufig traumatischen Erfahrungen mit in den Unterricht, auf den Pausenhof, in Beziehungen zu Gleichaltrigen und Lehrkräften. Schule wird damit zwangsläufig zu einem Ort, an dem sexualisierte Gewalt sichtbar werden kann – oder viel zu oft unsichtbar bleibt.</p>
<div class="alert-info" style="padding: 20px;"><b>Was Schule leisten kann – und leisten muss, damit echte Schutzräume entstehen</b>
<ul>
<li>eine klare Haltung gegen jede Form von Gewalt</li>
<li>transparente Zuständigkeiten und Verfahrenswege</li>
<li>altersgerechte Präventionsangebote für Kinder</li>
<li>informierte, handlungssichere Lehrkräfte</li>
<li>eine Einbindung von Eltern und externen Fachstellen</li>
</ul>
</div>
<p>Lehrkräfte sind häufig die ersten Erwachsenen außerhalb der Familie, die Veränderungen im Verhalten eines Kindes wahrnehmen: Rückzug, Leistungsabfall, Aggression, somatische Beschwerden oder auffällige Nähe-Distanz-Probleme. Daraus erwächst eine große Verantwortung. Zugleich erleben wir, dass genau an dieser Stelle erhebliche Unsicherheiten bestehen. Viele Lehrkräfte fragen sich: Darf ich das ansprechen? Was, wenn ich falsch liege? Wen informiere ich? Wie schütze ich das Kind – und mich selbst?</p>
<p>Diese Unsicherheit ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck struktureller Defizite. In Umfragen unter Lehramtsstudierenden und Referendar:innen in Duisburg und Essen wurde deutlich, dass das Thema sexualisierte Gewalt in der Ausbildung kaum eine Rolle spielt. Viele gaben an, zuvor keinerlei praktische Berührungspunkte gehabt zu haben. Dabei erwarten wir von Schulen zu Recht, dass sie Schutzkonzepte entwickeln, Prävention umsetzen und im Ernstfall handlungssicher agieren. Dieser Anspruch kann nur eingelöst werden, wenn Wissen, Haltung und Handlungskompetenz systematisch aufgebaut werden.</p>
<p>Aus genau diesem Grund qualifiziert Hänsel+Gretel seit acht Jahren angehende Lehrkräfte in einer vierstündigen Basisqualifikation durch Fachkräfte aus spezialisierten Beratungsstellen. Mehrere tausend zukünftige Lehrer:innen wurden auf diesem Weg erreicht. Der Effekt ist spürbar: Frühe Sensibilisierung schafft​<br />Sicherheit, senkt Hemmschwellen und stärkt eine professionelle Haltung, die Kinder in den Mittelpunkt stellt.</p>
<p>Doch Ausbildung allein reicht nicht aus. Schule ist ein komplexes System, in dem viele Professionen zusammenwirken. Deshalb haben wir als Konsequenz aus dem großen Wissensdefizit die achttägige Fortbildung FFIPS – Fachkraft für Intervention und Prävention bei sexualisierter Gewalt an Schulen – entwickelt. Sie richtet sich bewusst an alle pädagogischen Mitarbeitenden: Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter:innen, Sonderpädagog:innen, Erzieher:innen im Ganztag. Ziel ist es, die Teilnehmenden handlungskompetent zu machen – nicht nur für den Einzelfall, sondern für die nachhaltige Implementierung von Schutzkonzepten im Schulalltag.</p>
<div class="alert-info" style="padding: 20px;"><b>Die fünf FFIPS-Module</b><ol>
<li>fundiertes Basiswissen</li>
<li>Präventionskompetenz</li>
<li>Handlungssicherheit in der Intervention</li>
<li>Know-how zur Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten</li>
<li>Raum für Reflexion und Prüfung</li>
</ol></div>
<p>In fünf Modulen erwerben die Teilnehmenden fundiertes Fachwissen, lernen Präventionsstrategien kennen, üben Intervention und entwickeln Schutzkonzepte weiter. Besonders wichtig ist uns dabei eines: Schutzkonzepte dürfen keine formalen Dokumente sein, die im Regal verstauben. Sie müssen gelebt werden – im Kollegium, im Unterricht, im Umgang miteinander. Schulen, die diesen Weg gehen, berichten von einer spürbaren Veränderung der Schulkultur.</p>
<p>Ein weiterer zentraler Baustein ist die Prävention mit Kindern selbst. Seit 2011 ist unsere Mitmach-Ausstellung „Echt Klasse!“ im Dauereinsatz. Über 110.000 Kinder an mehr als 450 Schulen wurden erreicht. In sechs interaktiven Stationen lernen Grundschulkinder altersgerecht, spielerisch und angstfrei, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen, zwischen guten, schlechten und komischen Berührungen zu unterscheiden, Nein zu sagen, ihrem Gefühl zu vertrauen und sich Hilfe zu holen. Prävention bedeutet hier nicht Angst zu machen, sondern Kinder stark zu machen.</p>
<p>Entscheidend ist dabei der systemische Ansatz. „Echt Klasse!“ richtet sich nicht nur an Kinder, sondern immer auch an Lehrkräfte und Eltern. Die Schulungen für das Kollegium sind verpflichtend, die Elternabende freiwillig. Genau hier zeigt sich eine der größten Herausforderungen: Die Beteiligung der Eltern ist vielerorts ausbaufähig. Wir erleben alles – von 180 Teilnehmenden bis hin zu drei Personen. Im Durchschnitt kommen etwa 20 Eltern bei einer Schülerschaft von rund 250 Kindern. Dabei sind Eltern die wichtigste Schutzinstanz im Leben eines Kindes.</p>
<div class="alert-info" style="padding: 20px;"><b>Kinder lernen mit Echt Klasse! …</b><ol>
<li>ihren Körper und ihre Grenzen wahrzunehmen</li>
<li>zwischen guten, schlechten und komischen Berührungen zu unterscheiden</li>
<li>Nein zu sagen</li>
<li>ihrem Gefühl zu vertrauen</li>
<li>Hilfe zu holen</li>
</ol></div>
<p>Diese Realität fordert uns heraus, neue Wege zu gehen. In FFIPS-Durchgängen berichten Teilnehmende immer wieder von innovativen Ansätzen: Elternveranstaltungen am Morgen, wenn Kinder zur Schule gebracht werden; kürzere, niedrigschwellige Formate; Kombinationen aus Präsenz und digitalen Angeboten. Solche Beispiele zeigen, dass Beteiligung möglich ist, wenn wir die Lebensrealitäten von Familien ernst nehmen.</p>
<p>Aus unserer Sicht ist klar: Schule kann und muss einen zentralen Beitrag zum Kinderschutz leisten. Sie kann hinschauen, ansprechen, begleiten und vernetzen. Sie stößt jedoch dort an Grenzen, wo Wissen fehlt, Zeit fehlt oder professionelle Unterstützung nicht ausreichend verfügbar ist. Genau hier braucht es Impulse von außen. Die Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel versteht sich als Impulsgeber – als Partner von Schulen und Lehrkräften, die Kinder und Eltern erreichen wollen. Kinderschutz ist keine Zusatzaufgabe, sondern Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrags. Er braucht Kontinuität, Qualifizierung und verlässliche Strukturen. Wenn Schule, Eltern und externe Fachstellen gemeinsam handeln, entstehen Schutzräume, die diesen Namen verdienen. Dafür setzen wir uns ein – jeden Tag, für jedes einzelne Kind.</p>
<p class="alert-dark" style="padding: 20px;"><b>Zum Autor<br /></b>Jerome Braun (52) ist Mitgründer und Geschäftsführer der Deutschen Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel. Die Stiftung schützt und stärkt Kinder vor körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt und entwickelt nachhaltige Strukturen für wirksamen Kinderschutz. Seit 1997 engagiert sie sich bundesweit aus unterschiedlichen Perspektiven des Kinderschutzes und erreicht mit ihren anerkannten Projekten jährlich mehrere zehntausend Kinder, Jugendliche und Eltern. Schulen, Kitas, Einrichtungen sowie pädagogische Fachkräfte profitieren deutschlandweit von dieser Arbeit.</p>]]></description>
           <author>vorsitz@leb-bw.de (Sebastian Kölsch)</author>
           <category>SiB, Schuljahr 2025/26, Nr 3, Februar 2026</category>
           <pubDate>Fri, 13 Feb 2026 00:15:07 +0100</pubDate>
       </item>
              <item>
           <title>Rechtliche Dimension von »sonderpädagogisch«</title>
           <link>https://leb-bw.de/infos-downloads/schule-im-blickpunkt/schuljahr-2025-26/sib-schuljahr-2025-26-nr-3-februar-2026/1068-rechtliche-dimension-von-sonderpaedagogisch?format=html</link>
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           <media:title type="plain">Rechtliche Dimension von »sonderpädagogisch«</media:title>
           <media:description type="html"><![CDATA[<div class="h2">Sonderpädagogischer Dienst und Bildungsangebot</div>
<p><span style="font-size: 10pt;">Ein Beitrag von&nbsp;Andreas Zoller<b><br /></b>Rechtsanwalt</span></p>
<p><b>Wenn der Begriff Sonderpädagogik fällt, können sich viele Eltern nichts darunter vorstellen, erahnen aber, dass es sich um einen heiklen Bereich handelt.</b></p>
<p>Die wesentlichen Begriffe erkläre ich nachfolgend:</p>
<h2 class="h4"><b>Was ist Sonderpädagogik?</b></h2>
<p>Die Schulen haben zwei große Themengebiete:</p>
<ol>
<li>Den Bildungsauftrag (Wissensvermittlung)</li>
<li>Den Erziehungsauftrag (Pädagogik)</li>
</ol>
<p>Man sieht also, grundsätzlich kommt man auch ohne Vorsilbe „Sonder-“ aus.&nbsp;</p>
<p>Und das entspricht auch dem normalen schulischen Alltag:</p>
<ul>
<li>Die Lehrkraft hält normal Unterricht, ohne auf besondere Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.</li>
<li>Kommt es zu Problemen mit Fehlverhalten, dann greift die Lehrkraft ein.</li>
</ul>
<p>Wenn es einer SONDERpädagogik bedarf, müssen also besondere Bedürfnisse bestehen.</p>
<p>In vielen Bereichen liegen diese auf der Hand:</p>
<ul>
<li>Ein blindes, taubes oder körperbehindertes Kind benötigt zusätzliche Unterstützung.</li>
<li>Ein Kind mit gravierenden intellektuellen Defiziten benötigt gleichsam Unterstützung.</li>
</ul>
<p>Problematischer wird dies in Grenzfällen:</p>
<ul>
<li>Viele Kinder haben sprachliche Probleme und besuchen den Logopäden. Benötigen sie auch in der Schule Unterstützung oder reicht die private Unterstützung aus?</li>
<li>Viele Kinder haben Lernschwierigkeiten. Sind dies nur Teilleistungsstörungen wie Legasthenie oder Dyskalkulie bzw. Aufmerksamkeitsstörungen wie ADS oder AVWS oder hat das Kind dauerhafte und gravierende Probleme, dass es binnendifferenziert beschult werden muss?</li>
<li>Viele Kinder haben Verhaltensauffälligkeiten, oftmals auch verursacht durch Mutismus, ADHS oder Autismus. Reichen pädagogische Anstrengungen der Lehrkraft aus oder bedarf es eines SONDERpädagogen?</li>
</ul>
<p>Sonderpädagogik ist also erforderlich, wenn man mit den normalen pädagogischen Mitteln nicht mehr klarkommt.</p>
<h2 class="h4"><b>Wer ist zuständig?</b></h2>
<p>Leider hat sich seit Einführung der Inklusion und der damit zusammenhängenden grundsätzlichen Möglichkeit einer Anwesenheit von Sonderpädagogen in Regelschulen ein gewisses Narrativ entwickelt, dass Lehrkräfte für Schüler nicht mehr zuständig seien, die nicht nach „Schema F“ laufen.&nbsp;</p>
<p>Dies ist allerdings so pauschal unzutreffend, da die Sonderpädagogik das vormalige „Behindertenrecht“ ist, d.h. diese gilt nur für quantitativ und qualitativ gravierende Fälle. Auch „Problemfälle“ unterliegen daher zunächst einmal dem pädagogischen Auftrag der Lehrkräfte der allgemeinbildenden Schulen!</p>
<h2 class="h4"><b>Der sonderpädagogische Dienst</b></h2>
<p>Schulen wollen in Grenzfällen oftmals den sonderpädagogischen Dienst hinzuziehen, d.h. Sonderpädagogen, die in sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) arbeiten und sich vor Ort ein Bild von dem Kind machen sollen.</p>
<p>In der Praxis kommt dies vor allem bei verhaltensauffälligen Kindern vor, die im sozial-emotionalen Bereich Probleme haben, oder bei lernschwachen Kindern, die Probleme haben, dem Unterricht zu folgen.</p>
<p>In der Praxis kommen diese Sonderpädagogen dann ein paar Stunden in die Schule und schauen sich Unterrichtssituationen an, sprechen mitunter mit Kindern und Eltern und natürlich mit den unterrichtenden Lehrern. Es werden auf dieser Basis noch keine sonderpädagogischen Gutachten erstellt, aber natürlich gewinnt der Sonderpädagoge einen Eindruck.</p>
<p>Es ergehen dann Ratschläge gegenüber den unterrichtenden Lehrkräften und der Sonderpädagoge klinkt sich wieder aus.</p>
<p>Es kann auf dieser Basis aber auch dazu kommen, dass die Sonderpädagogen grundsätzlich das Erfordernis einer sonderpädagogischen Unterstützung in den Raum stellen und durch die Hospitation dann bereits ein sonderpädagogisches Gutachten vorbereitet wird.</p>
<p>Detaillierte Regelungen hinsichtlich des sonderpädagogischen Dienstes fehlen, sodass diese in der Praxis unterschiedlich agieren. Im Schulgesetz und in der SBA-VO wird nur der Status sonderpädagogischer Förderbedarf geregelt, aber keine niederschwelligen Maßnahmen. Auch in der Verwaltungsvorschrift Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Behinderungen gibt es nur rudimentäre Regelungen, wonach die sonderpädagogischen Dienste Schulen „unterstützen“. Dort werden Fallbeispiele genannt, die zum Teil aber über das hinausgehen, was üblicherweise geleistet wird. Die Regelungen in der VwV Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Behinderungen sind inzwischen auch partiell durch die Neuregelungen in der SBA-VO überholt. Insofern ist umstritten, ob die Einbeziehung des sonderpädagogischen Dienstes das Einverständnis der Eltern erfordert oder auch gegen deren Willen erfolgen darf.</p>
<h2 class="h4"><b>Das sonderpädagogische Bildungsangebot</b></h2>
<p>Das sonderpädagogische Bildungsangebot ist im Schulgesetz und in der SBA-VO geregelt und beinhaltet die Frage, ob sonderpädagogischer Förderbedarf als Status festgelegt werden kann.</p>
<p>Dies hat Auswirkungen auf die Beschulung, d.h. das Kind erhält sonderpädagogische Unterstützung:</p>
<ul>
<li>Analog zu Vorgesagtem wird dies teils von Eltern selbst gewünscht (blinde, taube, körperbehinderte oder geistig behinderte Kinder), weil diese Kinder anders im Schulbetrieb nicht klarkommen.</li>
<li>In den Bereichen sozial-emotional und Lernen ist dies oftmals anders und die Eltern wünschen keine sonderpädagogische Beschulung, da Sie Nachteile (eine Stigmatisierung bei sozial-emotional oder die Gefahr keinen Schulabschluss zu erhalten bei Lernen) befürchten.</li>
</ul>
<p>Die sonderpädagogische Überprüfung kann von Eltern aber auch durch die Schule gegen den Willen der Eltern eingeleitet werden. Eröffnet das Schulamt das Verfahren (was üblicherweise der Fall ist, wenn man keine gravierenden Einwände vorbringen kann), dann erfolgt eine sonderpädagogische Überprüfung, auf deren Basis ein sonderpädagogisches Gutachten erstellt wird, dass dann in der Bildungswegekonferenz mit den Eltern besprochen wird.</p>
<p>Wird sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt, wird ein Angebot für eine inklusive Beschulung und eine Förderschule unterbreitet, wobei wesentlich bleibt, dass sonderpädagogischer Förderbedarf besteht. D.h. beispielsweise wird beim Förderbedarf Lernen auch bei inklusiver Beschulung üblicherweise nur binnen-​<br />differenziert unterrichtet, d.h. trotz Inklusion wird das Kind potenziell vom Klassenverband abgehängt.</p>
<p>Eltern können gegen die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs auch Widerspruch einlegen bzw. versuchen, dass dieser später aufgehoben wird, was naturgemäß immer schwieriger wird, je länger der Status andauert. Meist gelten solche Feststellungen das ganze Schulleben und sollten bei Zweifelsfällen deshalb hinterfragt werden.</p>
<p>Insofern sollte man sich bereits vor Einleitung solcher Verwaltungsverfahren gut überlegen, ob man dies mitträgt oder sich dagegen zur Wehr setzt.</p>
<p class="alert-dark" style="padding: 20px;"><b>Zum Autor<br /></b>Rechtsanwalt Andreas Zoller ist seit 2007 einer der führenden Experten im Schulrecht. Durch seine umfangreichen Online-Ressourcen macht er schulrechtliche Themen für ein breites Publikum zugänglich. Neben seiner anwaltlichen Tätigkeit ist er als Dozent an der Kommunalakademie Deutschland und als Autor aktiv. Seine Schwerpunkte umfassen Schulwahl, Ordnungsmaßnahmen, Mobbing, Nichtversetzung und Inklusion.</p>]]></media:description>
                      <guid isPermaLink="true">https://leb-bw.de/infos-downloads/schule-im-blickpunkt/schuljahr-2025-26/sib-schuljahr-2025-26-nr-3-februar-2026/1068-rechtliche-dimension-von-sonderpaedagogisch?format=html</guid>
           <description><![CDATA[<div class="h2">Sonderpädagogischer Dienst und Bildungsangebot</div>
<p><span style="font-size: 10pt;">Ein Beitrag von&nbsp;Andreas Zoller<b><br /></b>Rechtsanwalt</span></p>
<p><b>Wenn der Begriff Sonderpädagogik fällt, können sich viele Eltern nichts darunter vorstellen, erahnen aber, dass es sich um einen heiklen Bereich handelt.</b></p>
<p>Die wesentlichen Begriffe erkläre ich nachfolgend:</p>
<h2 class="h4"><b>Was ist Sonderpädagogik?</b></h2>
<p>Die Schulen haben zwei große Themengebiete:</p>
<ol>
<li>Den Bildungsauftrag (Wissensvermittlung)</li>
<li>Den Erziehungsauftrag (Pädagogik)</li>
</ol>
<p>Man sieht also, grundsätzlich kommt man auch ohne Vorsilbe „Sonder-“ aus.&nbsp;</p>
<p>Und das entspricht auch dem normalen schulischen Alltag:</p>
<ul>
<li>Die Lehrkraft hält normal Unterricht, ohne auf besondere Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.</li>
<li>Kommt es zu Problemen mit Fehlverhalten, dann greift die Lehrkraft ein.</li>
</ul>
<p>Wenn es einer SONDERpädagogik bedarf, müssen also besondere Bedürfnisse bestehen.</p>
<p>In vielen Bereichen liegen diese auf der Hand:</p>
<ul>
<li>Ein blindes, taubes oder körperbehindertes Kind benötigt zusätzliche Unterstützung.</li>
<li>Ein Kind mit gravierenden intellektuellen Defiziten benötigt gleichsam Unterstützung.</li>
</ul>
<p>Problematischer wird dies in Grenzfällen:</p>
<ul>
<li>Viele Kinder haben sprachliche Probleme und besuchen den Logopäden. Benötigen sie auch in der Schule Unterstützung oder reicht die private Unterstützung aus?</li>
<li>Viele Kinder haben Lernschwierigkeiten. Sind dies nur Teilleistungsstörungen wie Legasthenie oder Dyskalkulie bzw. Aufmerksamkeitsstörungen wie ADS oder AVWS oder hat das Kind dauerhafte und gravierende Probleme, dass es binnendifferenziert beschult werden muss?</li>
<li>Viele Kinder haben Verhaltensauffälligkeiten, oftmals auch verursacht durch Mutismus, ADHS oder Autismus. Reichen pädagogische Anstrengungen der Lehrkraft aus oder bedarf es eines SONDERpädagogen?</li>
</ul>
<p>Sonderpädagogik ist also erforderlich, wenn man mit den normalen pädagogischen Mitteln nicht mehr klarkommt.</p>
<h2 class="h4"><b>Wer ist zuständig?</b></h2>
<p>Leider hat sich seit Einführung der Inklusion und der damit zusammenhängenden grundsätzlichen Möglichkeit einer Anwesenheit von Sonderpädagogen in Regelschulen ein gewisses Narrativ entwickelt, dass Lehrkräfte für Schüler nicht mehr zuständig seien, die nicht nach „Schema F“ laufen.&nbsp;</p>
<p>Dies ist allerdings so pauschal unzutreffend, da die Sonderpädagogik das vormalige „Behindertenrecht“ ist, d.h. diese gilt nur für quantitativ und qualitativ gravierende Fälle. Auch „Problemfälle“ unterliegen daher zunächst einmal dem pädagogischen Auftrag der Lehrkräfte der allgemeinbildenden Schulen!</p>
<h2 class="h4"><b>Der sonderpädagogische Dienst</b></h2>
<p>Schulen wollen in Grenzfällen oftmals den sonderpädagogischen Dienst hinzuziehen, d.h. Sonderpädagogen, die in sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) arbeiten und sich vor Ort ein Bild von dem Kind machen sollen.</p>
<p>In der Praxis kommt dies vor allem bei verhaltensauffälligen Kindern vor, die im sozial-emotionalen Bereich Probleme haben, oder bei lernschwachen Kindern, die Probleme haben, dem Unterricht zu folgen.</p>
<p>In der Praxis kommen diese Sonderpädagogen dann ein paar Stunden in die Schule und schauen sich Unterrichtssituationen an, sprechen mitunter mit Kindern und Eltern und natürlich mit den unterrichtenden Lehrern. Es werden auf dieser Basis noch keine sonderpädagogischen Gutachten erstellt, aber natürlich gewinnt der Sonderpädagoge einen Eindruck.</p>
<p>Es ergehen dann Ratschläge gegenüber den unterrichtenden Lehrkräften und der Sonderpädagoge klinkt sich wieder aus.</p>
<p>Es kann auf dieser Basis aber auch dazu kommen, dass die Sonderpädagogen grundsätzlich das Erfordernis einer sonderpädagogischen Unterstützung in den Raum stellen und durch die Hospitation dann bereits ein sonderpädagogisches Gutachten vorbereitet wird.</p>
<p>Detaillierte Regelungen hinsichtlich des sonderpädagogischen Dienstes fehlen, sodass diese in der Praxis unterschiedlich agieren. Im Schulgesetz und in der SBA-VO wird nur der Status sonderpädagogischer Förderbedarf geregelt, aber keine niederschwelligen Maßnahmen. Auch in der Verwaltungsvorschrift Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Behinderungen gibt es nur rudimentäre Regelungen, wonach die sonderpädagogischen Dienste Schulen „unterstützen“. Dort werden Fallbeispiele genannt, die zum Teil aber über das hinausgehen, was üblicherweise geleistet wird. Die Regelungen in der VwV Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Behinderungen sind inzwischen auch partiell durch die Neuregelungen in der SBA-VO überholt. Insofern ist umstritten, ob die Einbeziehung des sonderpädagogischen Dienstes das Einverständnis der Eltern erfordert oder auch gegen deren Willen erfolgen darf.</p>
<h2 class="h4"><b>Das sonderpädagogische Bildungsangebot</b></h2>
<p>Das sonderpädagogische Bildungsangebot ist im Schulgesetz und in der SBA-VO geregelt und beinhaltet die Frage, ob sonderpädagogischer Förderbedarf als Status festgelegt werden kann.</p>
<p>Dies hat Auswirkungen auf die Beschulung, d.h. das Kind erhält sonderpädagogische Unterstützung:</p>
<ul>
<li>Analog zu Vorgesagtem wird dies teils von Eltern selbst gewünscht (blinde, taube, körperbehinderte oder geistig behinderte Kinder), weil diese Kinder anders im Schulbetrieb nicht klarkommen.</li>
<li>In den Bereichen sozial-emotional und Lernen ist dies oftmals anders und die Eltern wünschen keine sonderpädagogische Beschulung, da Sie Nachteile (eine Stigmatisierung bei sozial-emotional oder die Gefahr keinen Schulabschluss zu erhalten bei Lernen) befürchten.</li>
</ul>
<p>Die sonderpädagogische Überprüfung kann von Eltern aber auch durch die Schule gegen den Willen der Eltern eingeleitet werden. Eröffnet das Schulamt das Verfahren (was üblicherweise der Fall ist, wenn man keine gravierenden Einwände vorbringen kann), dann erfolgt eine sonderpädagogische Überprüfung, auf deren Basis ein sonderpädagogisches Gutachten erstellt wird, dass dann in der Bildungswegekonferenz mit den Eltern besprochen wird.</p>
<p>Wird sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt, wird ein Angebot für eine inklusive Beschulung und eine Förderschule unterbreitet, wobei wesentlich bleibt, dass sonderpädagogischer Förderbedarf besteht. D.h. beispielsweise wird beim Förderbedarf Lernen auch bei inklusiver Beschulung üblicherweise nur binnen-​<br />differenziert unterrichtet, d.h. trotz Inklusion wird das Kind potenziell vom Klassenverband abgehängt.</p>
<p>Eltern können gegen die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs auch Widerspruch einlegen bzw. versuchen, dass dieser später aufgehoben wird, was naturgemäß immer schwieriger wird, je länger der Status andauert. Meist gelten solche Feststellungen das ganze Schulleben und sollten bei Zweifelsfällen deshalb hinterfragt werden.</p>
<p>Insofern sollte man sich bereits vor Einleitung solcher Verwaltungsverfahren gut überlegen, ob man dies mitträgt oder sich dagegen zur Wehr setzt.</p>
<p class="alert-dark" style="padding: 20px;"><b>Zum Autor<br /></b>Rechtsanwalt Andreas Zoller ist seit 2007 einer der führenden Experten im Schulrecht. Durch seine umfangreichen Online-Ressourcen macht er schulrechtliche Themen für ein breites Publikum zugänglich. Neben seiner anwaltlichen Tätigkeit ist er als Dozent an der Kommunalakademie Deutschland und als Autor aktiv. Seine Schwerpunkte umfassen Schulwahl, Ordnungsmaßnahmen, Mobbing, Nichtversetzung und Inklusion.</p>]]></description>
           <author>vorsitz@leb-bw.de (Sebastian Kölsch)</author>
           <category>SiB, Schuljahr 2025/26, Nr 3, Februar 2026</category>
           <pubDate>Fri, 13 Feb 2026 00:13:07 +0100</pubDate>
       </item>
          </channel>
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