Als 34 motivierte Elternteile aus dem ganzen Land am 19. April 2023 erstmals als frisch gewählte Landeselternbeirats-Mitglieder in Stuttgart zusammenkamen, wussten sie noch nicht, was sie die kommenden drei Jahre erwarten würde. Einige waren zwar schon im 19. LEB gewesen, aber welche Themen das Gremium beschäftigen, hängt ja vor allem von nicht Planbarem ab: vom Leben.
Der 19. LEB hatte sich über weite Teile seiner Amtszeit vor allem mit Corona zu beschäftigen. Das blieb dem 20. LEB glücklicherweise erspart, aber die umfassendste Reform des Schulgesetzes seit 2011 hatte niemand auf dem Schirm. Zumal die regierenden Parteien ausdrücklich Bildungs-Stillstand in ihren Koalitionsvertrag von 2021 geschrieben hatten. Was beschäftigte die Mitglieder also in dieser 20. Amtszeit des Beratungsgremiums des Kultusministeriums?
Innen reformieren, um außen zu wirken
Die Corona-Zeit hatte Spuren hinterlassen. Viele Eltern im Land, viele Elternbeirats-Mitglieder und auch Gesamtelternbeiräte hatten sich allein gelassen gefühlt. Aus dieser Ohnmacht, aber gleichzeitig – durch Homeschooling befeuert – auch dem Gefühl, essenzieller Bestandteil von funktionierender Schule zu sein, reifte in vielen der neuen Mitglieder der Wunsch, sich auf Landesebene zu engagieren. Für viele war daher besonders wichtig, den LEB transparenter zu gestalten, mehr über die Arbeit nach außen zu tragen, das Gremium im Land bekannter zu machen. Gleichzeitig setzte man sich gleich im April 23 zum Ziel, digitale Strukturen aufzubauen, die Selbstverständlichkeiten des Berufslebens (Videokonferenzen und digitale Kollaboration) auch unter den Mitgliedern zur Verfügung zu stellen.
Das Motto, das an einem Abend der Kennenlern-Klausur entstand, lautete: „Wir machen den LEB so fit, dass der 21. LEB einen guten Start haben wird.“
Schritt für Schritt wurde das auch umgesetzt: Newsletter-Reaktivierung, Präsenz in sozialen Medien, mehr Inhalte auf der LEB-Website, Umstellung der IT auf Cloud-Architektur, Zugriff für alle Mitglieder auf E-Mail-Adressen, Kollaborations-Tools und Dateien, eine Geschäftsordnung, die digitale Sitzungen ermöglicht – eigentlich wurde einmal alles komplett umgekrempelt und entstaubt. Begann der 20. LEB noch, auch aufgrund fehlender Übergaben, bei null, konnte der 21. LEB zu Beginn seiner Amtszeit auf Wissen und Erfahrungen zugreifen. Mit einer Portion Professionalisierung der ehrenamtlichen LEB-Arbeit hat der 20. LEB hier seine Spuren hinterlassen.
Rückkehr zu G9
Ein halbes Jahr nach Beginn des 20. LEB beendete die Elterninitiative „G9 jetzt BW“, deren Vorhaben der LEB unterstützt hatte, ihren Volksantrag. Als absehbar war, dass der Volksantrag wahrscheinlich erfolgreich sein würde, startete die Landesregierung parallel ein Bürgerforum zum Thema G9. Der quantitativen Komponente von schlussendlich fast 78.000 Volksantrags-Unterstützenden wollte man noch eine Art qualitativer Komponente beiseitestellen. Kritiker meinten, es gehe primär darum, auf die letzten Meter nicht nur Getriebener zu sein, sondern auch noch wie ein Akteur zu wirken. Wenig überraschend kam auch das Bürgerforum zu dem Schluss, dass G9 wieder eingeführt werden solle. Somit war eigentlich kurz vor Weihnachten 2023 klar: An einer Rückkehr zu G9 kommt niemand mehr vorbei. Am 20. Dezember 2023 veröffentlichte der LEB daraufhin seine „Neun Impulse an die politisch Handelnden zum neuen G9“. Darin wies das Gremium auf zahlreiche Zusammenhänge hin, die sich im weiteren Verlauf des Prozesses als entscheidende Knackpunkte erweisen würden. Er enthielt auch eine Art Grundsatzbeschluss zur Haltung des LEB zur Grundschulempfehlung.
Doch nicht nur zahlreiche Empfehlungen des Bürgerforums oder einige Details aus dem Volksantrag, auch die Mehrzahl unserer Impulse verhallten – wenn nicht ungehört, so doch zumindest – ergebnislos. In monatelangem Feilschen innerhalb der Regierungskoalition wurde hinter verschlossenen Türen ein fein austarierter Kompromiss geschmiedet und schließlich der Öffentlichkeit präsentiert. Hoffnungen auf einen echten Bildungsgipfel oder eine ganz große Koalition aller demokratischer Fraktionen und Betroffener aus der Praxis, um etwas wirklich Gutes und Nachhaltiges zimmern zu können, erlebten ihr Waterloo in Bebenhausen Anfang Mai 2024.
Das Ergebnis: eine danach in wenigen Wochen zusammengeklöppelte Idee einer verbindlichen Grundschulempfehlung, unterirdische Kommunikation zum Start und ein vergeigter Kompass 4 im Herbst 2024 – mit Spätfolgen bis heute. Von den Detail-Webfehlern des neuen G9 basierend vor allem auf weniger Stunden als im G9 vor 2004 ganz zu schweigen.
Was allen Beteiligten davon im Gedächtnis bleiben sollte: Wenn Bildungsentscheidungen ohne Beteiligung Betroffener aus der Praxis in endlosen Fraktionssitzungen basierend auf politischen Kompromissen entstehen, und die Schulverwaltung danach schnell, schnell etwas umsetzen muss, geht es um alles, nur nicht um gute Bildung, geschweige denn um die Kinder.
Ein Beratungsgremium berät, oder?
§ 60 des Schulgesetzes definiert den Landeselternbeirat grundsätzlich und regelt seine Daseinsberechtigung. Der LEB ist Beratungsgremium des Kultusministeriums. So weit, so gut. Problem bei dieser Beratung: Wie bei der Rückkehr zu G9 sehr schön erlebt, finden Bildungs-Entscheidungen nicht notwendigerweise im zuständigen Kultusministerium statt. Dort könnte man sich vor Entscheidungsfindung ja durchaus mit seinen drei Beratungsgremien – neben dem LEB auch der Landesschülerbeirat und der Landesschulbeirat – zusammensetzen und austauschen und danach zu einem im Idealfall konsensualen Ergebnis kommen. Entscheidungen zu Bildungsplänen, zu Stundentafeln, zu Abiturterminen, zu Ferien, zu Schulabschlüssen, zu Prüfungsumfängen – sie fallen in den Grundzügen in der Kultusministerkonferenz, fein austariert in föderalen Kompromissfindungen. Wird so etwas dann in Landesverordnungen gegossen, kann man nicht mehr beraten, da es um die Umsetzung eines bereits auf anderer Ebene getroffenen Beschlusses geht. Änderungen mit Gesetzesrang, in der Amtszeit des 20. LEB zum Beispiel die Entmachtung der Schulkonferenz bei der Umwandlung in eine Ganztagsgrundschule, G9 mit allem, was dazugehört, oder jüngst das vermeintliche Handyverbot, all das wird vorab im Ministerrat besprochen, dann in der Landespressekonferenz vorgestellt und dann geht es erst in die „Beratungen“. Dass zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel Beratungsspielraum besteht, dürfte klar sein.
Was zielführend wäre, aber selbstredend auch eine verlässliche Verschwiegenheit der Mitglieder bedingen würde, wäre eine Beratungsschleife, bevor man etwas vorstellt, im Grundsatz beschließt oder in die Ausarbeitung gibt. Fertige Paragraphen, Novellen und Verordnungen im Anhörungsverfahren noch substanziell zu ändern, stellt sich oft als nahezu unmöglich heraus. Die Zeit und das Engagement der ehrenamtlich tätigen Beratenden sollte es allen Beteiligten aber mindestens einen Versuch wert sein.
Vom 20. LEB für die Zukunft
Weitere Themen, mit denen sich der 20. LEB intensiv auseinandergesetzt hat, werden erst noch implementiert. Der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung kommt ab dem kommenden Schuljahr, die frühe Sprachförderung „SprachFit“ wird in voller Tragweite erst in zwei Jahren fertig umgesetzt sein. Diese wichtigen Weichenstellungen und deren Ausgestaltung fielen in die vergangenen drei Jahre, wobei insgesamt der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung intensiv begleitet wurde. Zahlreiche Mitglieder wirkten beim Runden Tisch Ganztag des Kultusministeriums und seinen Arbeitsgruppen mit, das Thema begleitete die Präsenz des LEB auf der Heim-didacta im Februar 25 und unzählige Podiumsdiskussionen und Fachtage drehten sich ebenfalls darum.
Die neue Wahlordnung und die Erfahrungen der ersten digitalen Wahl (siehe nächste Seite) wird dem LEB sicherlich auch zukünftig eine breite Partizipation und Legitimität bescheren. Auch hier konnte der 20. LEB ein Kernvorhaben umsetzen und nachhaltig etwas bewirken.
Die größte Bildungs-Interessengruppe im Land
Und schließlich konnte sich der Landeselternbeirat anlässlich seines 60-jährigen Jubiläums im November 2025 von seiner besten Seite präsentieren: als ernstzunehmender, verlässlicher und wichtiger Akteur in der Bildungslandschaft Baden-Württembergs. Auch jenseits der Mauern des Kultusministeriums ist dessen Beratungsgremium Gesprächspartner, Ideengeber, Interessenvertreter und – im besten Wortsinn – Lobbyist. Als demokratisch gewähltes oberstes schulisches Elterngremium im Land ist der LEB Sprachrohr für die größte Bildungs-Interessengruppe Baden-Württembergs: ungefähr 2 Millionen Eltern von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an den Schulen des Landes. Von der ersten Klasse bis zum Abschluss der Berufsschule begleitet der Landeselternbeirat das Bildungssystem als kritischer Beobachter und Impulsgeber, bietet sich als Sparringspartner und Lackmustest an und bringt Elternbedürfnisse in die politische Diskussion ein.
Das alles hat der 20. Landeselternbeirat mit Herzblut getan. Auch im Vertrauen darauf, dass die Folgegremien dieses Credo fortsetzen, die Bemühungen wertschätzen und sich weiter engagieren in uneingeschränkt bester Absicht für das Wichtigste, das unser Land hat:
Für unsere Kinder.
Die Mitglieder des 20. Landeselternbeirats
Diese Eltern haben sich im Gremium und teilweise auch im Vorstand oder als Entsandte des LEB in weiteren Gremien in den vergangenen drei Jahren ehrenamtlich engagiert. Für beste Bildungschancen und gute Schule:
- Anja Albrecht-Hrubesch (GS KA)
- Susanne Balzer (Freie Schulen)
- Ulrich Becker (WRS KA)
- Friedhelm Biene (BG FR)
- Peter Buchmann (GS S; bis März 25)
- Birgit Dimmler (WRS TÜ)
- Sabine Gerber-Schaub (RS FR)
- Ralph Hesse (BS S; ab April 24)
- Petra Karus-Vecchio (Freie Schulen; bis April 25)
- Raban Kluger (GS FR)
- Sebastian Kölsch (GYM FR)
- Barbara Lucke (Freie Schulen; ab April 25)
- Erika Macan (GYM S)
- Dr. Gebhard Mehrle (GMS S)
- Roland Mögerle (BG S; bis Juli 23)
- Bernd Oberhäußer (WRS S)
- Markus Otten (BG S; ab August 23)
- Lars Pallasch (SBBZ KA)
- Heike Pekar (BS FR; bis Juni 24)
- Susanne Petermann-Mayer (GMS TÜ)
- Manja Reinholdt (RS S)
- Christoph Staib (BS TÜ; bis April 24)
- Petra Rietzler (GMS FR)
- Anne Mone Sahnwaldt (WRS FR)
- Stephan Sander (SBBZ S)
- Thomas Schmeckenbecher (BG KA)
- Alexandra Schnek (SBBZ TÜ)
- Ina Schultz (RS TÜ)
- Sabrina Schumann (SBBZ FR)
- Aline Sommer-Noack (GS S; ab März 25)
- Kai Thimm (GS TÜ)
- Jeannette Tremmel (GMS KA)
- Isa Ünver (GYM KA)
- Jörg Vettermann (GYM TÜ)
- Sabrina Wetzel (BS KA)
- Birgit Zauner (BG TÜ)
Mitglied ehrenhalber: Michael Scherf (RS KA)
Ein Beitrag von Sebastian Kölsch
für den 20. Landeselternbeirat