Pressemitteilung, 08.11.2017

 

Rückwärts geht’s immer!


Mit äußerster Verwunderung musste der Landeselternbeirat aus der Presse erfahren, dass das
Kultusministerium den Schulversuch zur „Schule ohne Noten“ beenden will. Das Kultusministerium
erklärte, laut Tagespresse: „Anders als damals explizit vorgesehen, wurde der
Schulversuch leider nicht verlässlich wissenschaftlich begleitet.“


Diese Aussage des Kultusministeriums kann man am charmantesten noch mit dem Wort
„Heuchelei“ umschreiben. Denn gerade jene verlässliche wissenschaftliche Begleitung wurde
mindestens einer der betroffenen Schulen mit Hinweis auf die Kosten von der Schulverwaltung
immer verwehrt.


Bei dem Konzept „Schule ohne Noten“ lohnt es sich übrigens, genau hinschauen – einfache
Stammtischparolen sind auch hier ebenso dümmlich wie nutzlos.


„Schule ohne Noten“ bedeutet NICHT, dass keine Leistungserhebungen und Leistungsbewertungen
stattfinden. Ganz im Gegenteil! Die Leistungsbewertungen werden sehr differenziert
in Form von schriftlichen Beurteilungen abgegeben. Hieraus kann man als Schüler*in, Eltern,
als Lehrer*in einer weiterführenden Schule und übrigens auch als möglicher Lehrherr sehr
genau die Stärken und Schwächen der Schüler*innen ablesen. Man erkennt damit auch, wo
der/die Schüler*in weiter gefördert oder eben auch stärker gefordert werden kann.


Ziffernnoten an Schulen hingegen geben den Leistungsstand in einem Fach summarisch als
eine einzelne Ziffer wieder. Sie sind somit eine ungenaue Art der Leistungsbewertung.


In der pädagogischen Forschung ist das seit langem bekannt. (Und es ist übrigens auch in der
pädagogischen Praxis von Ländern, die in den Bildungsstudien erfolgreicher sind als Baden-
Württemberg - und das sind mittlerweile sehr viele Länder - angekommen.) Hier wird zum
Pressemitteilung einen von der sozialen Bezugsnorm bei Ziffernnoten gesprochen. Die Noten geben nämlich
primär an, wo die mittlere Leistung eines/einer Schüler*in im Bezug zu den anderen Schülern*
innen anzusiedeln ist. Zum anderen spricht man von der kriterialen oder sachlichen
Bezugsnorm bei der ausführlichen Form der Leistungsbeschreibung und Bewertung. Diese gibt
für die verschiedensten Bereiche eines Faches an, was der/die Schüler*in kann und wie gut.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass in der Pädagogik der letzten 20 Jahre eine
Abkehr von der sozialen Bezugsnorm stattgefunden hat. Aber natürlich nicht in Baden-
Württemberg. Hier will man wohl versuchen, die Herausforderungen von heute und morgen
mit den Antworten von gestern und vorgestern zu beantworten. Heißt es also: Zurück in die
Steinzeit oder in die Eisenzeit?


Aber in diesem Punkt scheint das Kultusministerium selbst durchaus gespalten zu sein. Denn
auch in diesem Hause gibt es Referate, die sich mit der Qualitätsentwicklung von Schule beschäftigen
und mit der Frage, wie schulische Leistung solide und wissenschaftlich fundiert
erhoben und bewertet werden kann.


Die Kultusministerin des Landes Baden-Württemberg allerdings muss sich langsam entscheiden,
mit welchem Ziel sie das Ministerium leitet: Will sie durch stammtisch-affine Äußerungen
und Entscheidungen ihre Chancen auf das Amt der nächsten Ministerpräsidentin erhöhen?
Hier hat sie in letzter Zeit erheblich gepunktet – bei den Stammtischen. Oder will sie das Schulund
Bildungssystem für unsere Kinder verbessern? Hier wären wir an Erfolgsmeldungen
durchaus interessiert.


Und der grüne Koalitionspartner muss sich immer noch fragen lassen, wie lange er sich wie
ein Zirkusbär am Nasenring durch die bildungspolitische Arena führen lassen will? Bildungspolitische
Beileidsbekundungen von Seiten dieser Fraktion reichen einfach nicht mehr aus,
wenn sie auch nur ansatzweise noch ernst genommen werden will.


Für den 18. Landeselternbeirat
Dr. Carsten T. Rees,

Vorsitzender,

 

Freiburg, den 08.11.2017